Eine besondere Schule – weit weg von „Normal“

von Lukas

Vom 18. bis zum 22. November 2013 habe ich in der Freien Aktiven Schule Frankfurt hospitiert. Mit diesem Bericht möchte ich versuchen, ein paar meiner Eindrücke und Erfahrungen, die ich in dieser Schulwoche gesammelt habe, festzuhalten! Das sind Eindrücke von gerade einmal 5 Schultagen. Es kann also durchaus sein, dass ich ein von der Wirklichkeit abweichendes Bild gewonnen habe, manches gar nicht erlebt habe, was wesentlich ist und vor allem vieles noch nicht verstanden habe.

 Als ich Montagmorgen das erste Mal in die Schule fuhr, hatte ich eine Menge Vorstellungen und Erwartungen im Gepäck, vor allem eine gute Portion Skepsis: Leben die Schüler glücklich in ihrer heilen Welt und kommen später im „realen“ Leben vielleicht gar nicht gut zurecht? Wie gehen sie dann wohl mit den unangenehmen Seiten des Lebens um, wenn sie immer nur gemacht haben, wozu sie Lust hatten? Inwieweit fühlen sie sich denn als Teil der Gesellschaft und dadurch auch in der Verantwortung, diese zum Guten hin verändern zu wollen? Wenn sie in der Schule lernen, dass jeder für sich und sein Handeln verantwortlich ist, wie viel Verständnis haben sie dann für Menschen, die sich nicht von dem gesellschaftlichen Druck befreien können, den sie selbst ja nie stark zu spüren bekommen haben? Ist es dann nicht einfach, zu sagen: „selbst dran Schuld?“ Und sind die Schüler nicht alle aus sehr alternativen Familien und damit „unter sich“? Bleiben sie das nach der Schule ebenfalls und stellen dadurch vielleicht eine paradiesische Parallelgesellschaft dar?

 Die FAS hat ca. 70 Schülerinnen und Schüler zwischen 7 und 17 Jahren. Außerdem gehört noch ein Kindergarten mit 25 Kindern dazu, der Übergang ist fließend. Die Schüler sind altersmäßig in Primar und Sekunda unterteilt, die Grenze liegt bei ungefähr 12 Jahren.

Es gibt einen großen Hauptraum, der in verschiedene Bereiche unterteilt ist: Es gibt eine gemütliche Leseecke mit vielen Büchern für jedes Alter, eine Näheecke, einen Kreativbereich (Plastizieren, Malen, Basteln etc.), einen Aufenthaltsbereich, in dem alles mögliche gespielt wird und einen Bereich zum Bauen mit „Kapla-Klötzchen“ (dünne, längliche Holzklötze). Der Hauptraum erinnert an ein großes Wohnzimmer und bietet sehr viel Geborgenheit. Außerdem gibt es einen Toberaum, einen „Ruhigen Raum“ zum Arbeiten und zwei Räume, die nur für die Sekunda bestimmt sind. Das sind ein Aufenthalts- und ein Arbeitsraum. Es gibt eine Küche, in der sich jederzeit, jeder der Lust hat, etwas Kochen oder Backen kann. Draußen gibt es noch eine Werkbank, viele Möglichkeiten zum Toben und Spielen, ein paar Beete und den benachbarten Fußballplatz zum Sport machen.

Die Schule geht von 8:30 Uhr bis 13:00 Uhr und mittwochs für die Sekunda bis 17:00 Uhr. In dieser Zeit gibt es keine verpflichtenden Unterrichte, stattdessen beruht alles „Unterrichtsähnliche“, was stattfindet, auf freiwilligen Vereinbarungen und setzt damit Interesse voraus. Es gibt eine Pinnwand, an der sowohl Schüler, als auch Erwachsene („Lernbegleiter“) Vorschläge für Aktivitäten machen. Das sind z.B. Vorschläge für Ausflüge ins Theater oder in einen Kletterpark, Bastelangebote, oder auch Vorschläge für „Lerngruppen“. Im Moment treffen sich, mehr oder weniger regelmäßig, eine Theatergruppe, eine Foto AG, eine Lateingruppe, eine Fahrradwerkstattgruppe und eine Lesegruppe. Außerdem gibt es von „Lehrern“ angebotene Physik- Mathe- oder Englischzeiten. Die Schüler können aber auch sonst jederzeit Lehrer um Hilfe bitten, wenn sie sich mit etwas beschäftigen. Wenn ein Schüler in die Sekunda kommt, bekommt er einen Tutor, der dann sein persönlicher Ansprechpartner ist und seine Entwicklung begleitet. Generell verhalten sich die Erwachsenen aber vor allem beobachtend und beratend, also recht passiv. Schon mehrmals habe ich Leute sagen hören, dass die FAS, eine der radikalsten Alternativschule sei.

 Am Anfang beobachtete ich zuerst einmal, was die Schüler so machten. Überall spielten Kinder mit viel Spaß und Bewegung. Drei Mädchen spielten fast einen ganzen Tag lang „Schule“. Eine war die Lehrerin und gab strenge Anweisungen, während die beiden anderen freche Schülerinnen spielten. Andere bauten mit Dominosteinen oder Kaplaklötzen, lasen, bastelten, bewarfen sich mit Kissen, spielten Brettspiele, kochten, unterhielten sich einfach oder machten vereinzelt auch Musik. Alle waren sehr lebendig und fröhlich, so dass dauerhaft ein gewisser Lärmpegel herrschte. Es war eine sehr angenehme, lockere Atmosphäre ohne jeden Druck oder Stress. Ich habe die Schüler untereinander als sehr kommunikativ und lustig erlebt. Was sie machten, machten sie mit einer großen Selbstverständlichkeit und viel Selbstvertrauen. Wenn einer keine Lust auf etwas hatte, machte er eben etwas anderes als die anderen und das war auch kein Problem für irgendjemanden. Für Äußere Unterschiede, besondere Verhaltensweisen und seltsame verbale Äußerungen habe ich eine große Offenheit erlebt.

Ich habe es nicht oft erlebt, dass sich Schüler mit „normalen Schulthemen“ wie Mathematik oder Englisch beschäftigten. Stattdessen stand vor allem das soziale Miteinander im Vordergrund. Die Gemeinschaft und den Austausch untereinander habe ich als sehr stark und intensiv empfunden. Trotzdem habe ich oft den Eindruck gewonnen, dass die Schüler auch so einiges wissen. Ein 14 jähriger Schüler erzählte mir zum Beispiel, dass er regelmäßig Tiere und Pflanzen beobachte und sogar seziere. Er kannte sich offensichtlich sehr gut aus! Auffällig war auch, dass sich viele Schüler sehr gewählt ausdrückten. Schon 12 Jährige haben Wörter wie z.B. „absurd“ benutzt. Die meisten Schülerinnen und Schüler waren enorm aufgeweckt! Einmal habe ich mit einer 8 jährigen und mit einer 9 jährigen Schülerin etwas gebacken. Die 9 jährige hat sich dabei fast wie eine Erwachsene verhalten! Sie wusste genau, wie alles geht, dachte gewissenhaft an alles, was noch zu machen war und verhielt sich gegenüber der 8 jährigen, die ständig anfing, wegen irgendetwas zu diskutieren, meistens sehr ruhig und überlegt. Die älteren Schüler verhielten sich den jüngeren gegenüber generell sehr reif und verständnisvoll.

Am Mittwochnachmittag kam eine Schülermutter, die studierte Juristin ist und gab allen Interessierten eine Einführung ins Zivilrecht. Es war ein trockenes Thema und die Form war im Prinzip Frontalunterricht. Die Schüler behandelten das Thema mit viel Humor und Interesse. Obwohl einige sich nicht gut konzentrierten und mit vielem andren beschäftigt waren, verstanden sie die Inhalte schnell. Die Schüler waren zwischen 12 und 17.

Wenn ich Schüler ansprach, waren sie sehr gesprächig und haben mir gerne und sehr ausführlich auf Fragen geantwortet. Von sich aus haben sie aber fast überhaupt nicht den Kontakt mit mir gesucht und auch wenn ich großes Interesse an ihnen gezeigt habe, keines an mir oder dem was ich mache gezeigt! Das hat mich sehr verwundert. Teilweise habe ich Schüler als egozentrisch erlebt, was in ihrem Alter vielleicht auch nicht verwunderlich sein muss.

Ich habe mehrere Schülerinnen und Schüler gefragt, wie es für sie sei, wenn sie außerhalb der Schule Kontakt mit Leuten haben. Viele von ihnen haben Freunde, die auf Regelschulen gehen, oder spielen im Fußballverein. Alle die ich fragte, erzählten von starken Vorurteilen mit denen sie zu kämpfen hätten. Regelmäßig würden Leute meinen: „Ihr lernt auf eurer Schule doch überhaupt nichts und kommt vor allem nicht zu Abschlüssen!“ (Die natürlich als das Wichtigste betrachtet werden…) Die Schüler berichteten aber alle, dass sie die Leute schnell von sich überzeugen würden. Sie erzählten glaubhaft, dass sie meistens viel mehr wüssten, als Kinder in ihrem Alter. Den Eindruck habe ich auch gewonnen, sie schienen vor allem lebenspraktischeres und damit wichtigeres als andere in ihrem Alter zu wissen. Wenn die älteren Schüler Praktika absolviert haben, seien die Rückmeldungen auch immer super gewesen. Die Leute hätten es meistens nicht fassen können, wie aufgeweckt und interessiert die Schüler seien.

Einige der älteren fragte ich, wie sie Menschen erleben würden, die weniger offen und locker seien und mehr unter dem gesellschaftlichen Druck (Normen…) stünden. Darauf bekam ich unterschiedliche Antworten. Einer sagte: „Wir haben eben auch dumme Leute getroffen!“ Ein anderer sagte: „Es muss jeder gucken, was er macht und man kann sich ja andere Wege suchen!“ Das sind nur zwei Aussagen, die aber meine Eindrücke bestätigen. Ich habe das Gefühl, dass die Schüler so von der Freiheit und Eigenverantwortung der Menschen überzeugt sind, dass sie nicht unbedingt das Bedürfnis haben/bzw. die Notwendigkeit sehen, ihnen zu helfen. Man muss dazu sagen, dass sie ja nie so unter diesem Druck gestanden haben und wahrscheinlich nur schwer nachvollziehen können, wie schwierig es ist, sich von diesem Druck zu befreien! Allerdings muss man auch sagen, dass sie zwischen 14 und 17 Jahren alt waren! In 4 Jahren sieht das vielleicht ganz anders aus.

Was ich mich auch stark frage, ist, wie es bei den Schülern mit Ehrfurcht und Bewunderung aussieht. Ich erinnere mich noch, wie meine Lehrerin uns in der Schule von den verschiedenen Handwerksberufen erzählt hat, z.B. davon, wie der Bauer im Jahresrhythmus arbeitet, sein Land pflegt und erntet. Das hat sie mit so einer Ehrfurcht vor den Menschen getan, die Tag für Tag eine für uns alle so wichtige und dabei so harte Arbeit verrichten. Durch ihre Ehrfurcht und Dankbarkeit, war auch ich ehrfürchtig und habe die Handwerker bewundert. In der Schule habe ich auch die Edda, die griechischen Mythologien und die Bibel vorgelesen oder erzählt bekommen. Dadurch habe ich Demut und Bewunderung entwickelt. Demut gegenüber dem Wunderbaren der Welt, was man nicht mit dem Intellekt verstehen kann. Demut gegenüber all dem, was Menschen vor uns geleistet und erlebt haben. Und Demut gegenüber all den Zusammenhängen, die wir Menschen gar nicht begreifen. Natürlich entwickeln Menschen nicht automatisch Demut und Bewunderung, nur weil ein guter Lehrer ihnen die Möglichkeit dazu gibt. Und Menschen können sie auch anders entwickeln. Trotzdem frage ich mich, ob sich den Schülern diese Dimensionen eröffnen.

Was ich im Nachhinein ebenfalls als sehr wertvolles Element meiner Schule erachte, sind gewisse Rhythmen. Wir haben z.B. morgens Lieder gesungen und Gedichte gesprochen. Rhythmen können bei den Schülern auch von selbst entstehen, aber zusammen zu singen, ist schon an sich ja etwas Wunderbares. Dazu gab es noch Rhythmen im Jahresverlauf. Vier mal im Jahr gab es ein Fest, passend zu den Jahreszeiten. Dadurch ist bei mir Bewusstsein für die Natur und den Jahresverlauf entstanden und es ist auch einfach schön, wenn es so große Feste gibt.

Bei den älteren Schülern habe ich manchmal gedacht, sie könnten mehr Herausforderungen vertragen. also Aufgaben, selbst gesucht oder von außen herangetragen, die man gerne lösen will. Probleme, die gelöst werden wollen, mit denen man auch mal zu ringen hat und kämpfen muss. Denn ich glaube man bildet sich bzw. entwickelt sich gerade dann am allerbesten: Wenn man Herausforderungen meistert! Wenn man also auch mal richtig gefordert wird, wie ja schon in dem Wort Herausforderung steckt.

Es war eine spannende Woche. Ich habe mich von vielen Vorurteilen, wie Schule doch sein solle gelöst und erlebt, wie Schule ganz anders funktionieren kann. Diese Erfahrung hat bei mir einige Fragen und neue Perspektiven aufgetan. Ich bin sehr gespannt, wie es mit der Schule und den Schülern weitergeht! Denn ich denke, dass man die Früchte, die die Arbeit der Freien Aktiven Schule bzw. der Lernbegleiter trägt, erst in den nächsten Jahren wird sehen können. Wenn einige Schülerinnen und Schüler die Schule verlassen haben und man sieht, wie sie ihren Weg gehen!

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3 Kommentare zu “Eine besondere Schule – weit weg von „Normal“

  1. Pingback: Studieninhalte Lukas | Die Universidee

  2. Liebe Nicole,

    Lukas berichtet hier von der „Freien Aktiven Schule“ in Frankfurt am Main.
    „Freie aktive Schulen“ gehören zu den sog. „freien Alternativschulen“.

    Es gibt den „Bundesverband der Freien Alternativschulen / BFAS“ (www.freie-alternativschulen.de). Dort findest Du auch einiges über Freie Aktive Schulen, von denen Lukas die in Frankfurt besucht hat.

    Weiter gibt es den „Bundesverband natürlich Lernen e. V. / BNL“ (www.bvnl.de). Auch dort findest Du einiges zu Freien Aktiven Schulen.

    Habe ich damit Deine Frage beantwortet ?

    Herzliche Grüße,
    Tomas Langhorst (Freies UniExperiment München und Freising)

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