Bunte Erfahrungen aus der Demokratischen Schule X (Berlin)

Mit gerade einmal einer Woche Abstand, habe ich im Dezember 2013 nach der Freien Aktiven Schule Frankfurt , die nächste alternative Schule besucht. Die Demokratische Schule X orientiert sich vor allem am Modell der Sudbury-Schulen und ist damit eine von drei solcher Schulen in Deutschland. Vor drei Jahren wurde sie erst gegründet und ist noch relativ klein. Auf 24 Schüler kommen 8 Lernbegleiter, die sich vier Stellen teilen. Das Schulmodell basiert auf zwei Säulen:
Die eine ist die individuelle Lernfreiheit des einzelnen, was bedeutet, dass die Schüler freiwillig entscheiden, was sie machen wollen. Die andere ist das Demokratieprinzip. Zwei mal die Woche gibt es eine Schulversammlung, in der alle Entscheidungen, die  alle betreffen (z.B. Regeln vereinbaren) demokratisch getroffen werden. Jeder hat dabei eine Stimme, egal ob Erwachsener oder Schüler. Die Schüler haben pro Woche eine Anwesenheitspflicht von 25 Stunden, die sie sich selbst einteilen können. Die DSX ist in zwei Stockwerken eines großen Hauses, wobei die recht überschaubaren Räume von der Atmosphäre her eher an Wohn-, als an Schulräume erinnern. Neben einem großen Gemeinschaftsraum gibt es einen Musikraum, einen Werkstatt- und Bastelraum, einen Toberaum, eine Bibliothek, eine Küche und einen Naturwissenschaftsraum.

Da es die Schule erst seit drei Jahren gibt, waren fast alle Schüler vorher auf anderen Schulen, was bei einigen eine krasse Umstellung bedeutet hat oder bedeutet. Manche haben schlechte Erfahrungen in Regelschulen gemacht und dadurch eine teilweise blockierende, ablehnende Haltung erlangt, die sie erst einmal überwinden müssen. So habe ich es zumindest erlebt.
Das lag zum Teil auch bestimmt am Alter, weil es  vor allem die 13 und 14 jährigen waren, aber viele waren eben etwas trotzig und ablehnend gegenüber dem meisten, was unterichtsmässig war. Sie haben die Unterichtsangebote zwar irgendwie doch besucht, aber ich hatte das Gefühl, dass das für sie eher „uncool“ war. Da kam dann manchmal ein Handy aus der Tasche, oder die Brotbox.
Es gibt einen Wochenplan, der relativ voll ist, mit Terminen und Angeboten:
SAM_2039SAM_2041
Montag                  Dienstag                   Mittwoch                      Donnerstag                Freitag

Die klassischen Unterrichtsangebote hatten relativen Schulcharakter. Da die älteren Schüler den MSA (Mittelstufenabschluss in Berlin) anstreben, haben die Lehrer meist Inhalte des Lehrplans gewählt und an diesem Punkt geht das Lernen streng genommen nicht vom Interesse des Einzelnen aus. Zwar waren es nur sehr kleine Gruppen, so dass die Erwachsenen sehr individuell auf die Schüler eingehen konnten, doch es ging eben um vorgegebene Lerninhalte. Mein Erleben der Haltung der Schüler war weniger von Begeisterung, als vielmehr von „eigentlich will ich das ja schon“ geprägt. Ich hatte den Eindruck, dass die Schüler auf jeden Fall an den Angeboten teilnehmen wollten, allerdings nicht aus Spass an der Sache, sondern eher, um eben den Abschluss zu schaffen.

Neben den Angeboten verbrachten die Schülerinnen und Schüler ihre Zeit vor allem mit Gesellschaftsspielen, musizieren, unterhalten, toben, einkaufen gehen, Sport machen und mit ihren Handys und PCs. Der Medienkonsum hatte dabei nicht gerade ein geringes Ausmass. Ständig wurden Videos geschaut, wurde gechattet, wurden Spiele gespielt. Oft sassen mehrere Schüler gleichzeitig vor einem Handy oder Computer und manche verbrachten wirklich Stunden damit. Ich hatte das Gefühl, dass sie der Verlockung nicht wiederstehen konnten und von ihren Geräten wie gebannt waren. Wenn sie dann mal zu etwas wie einem Spiel begeistert wurden, schienen sie deutlich mehr Freude zu haben!
Was wirklich toll zu beobachten war, war wie Schülerinnen und Schüler auch altersübergreifend miteinander kommunizierten und spielten!
Nachmittags sind wir ein paar Male nach draussen gegangen um Baseball oder Fussball zu spielen. Ein paar Schülerinnen und Schüler waren viel mit Musik machen beschäftigt, im Kunstraum war auch meistens jemand am Basteln und Werkeln und vor allem der Toberaum wurde fleissig genutzt. Hier wurde täglich geturnt, getobt, mit Kissen gekämpft und gespielt. Ein paar Male kam eine Mutter, die mit Schülern bastelte und Plätzchen backte.

Das Demokratieprinzip
Wenn Beschwerden vorhanden sind, findet jeden Tag eine Rechtsversammlung statt. Dabei ist ein Erwachsener anwesend, der die Versammlung leitet und alles am Laptop protokolliert. Außerdem sind noch ca. drei der älteren Schüler, die von der Schulversammlung als Richter gewählt wurden und die von den Beschwerden Betroffenen anwesend. Die Idee dahinter ist, das wenn jemand eine Regel verletzt, ein anderer, der das gesehen hat, einen Beschwerdezettel schreibt und dass diese Beschwerde dann am nächsten Tag behandelt wird. Entschieden, ob die oder derjenige eine Regel verletzt hat und was das für eine Konsequenz hat, wird per Abstimmung. Und dabei sind alle gleichberechtigt, Erwachsene wie Schüler. Die Rechtsversammlungen, die ich erlebt habe, waren sehr zäh. Oft haben Schüler jede Schuld von sich gewiesen, und so wiedersprüchliche Aussagen gemacht. Das hat meistens dazu geführt, dass sich die Schüler gegenseitig noch weniger verstanden, und die Fronten sich verhärtet haben. Die anderen anwesenden Schüler waren oft genervt und haben sich lieber mit etwas anderem beschäftigt, als mit der Verhandlung.
Eine Beschwerde wird so behandelt, dass erst alle an der Situation beteiligten ihre Sicht auf das Geschehene darlegen und dann die Richter abstimmen, ob damit eine Regel gebrochen wurde oder nicht. Wenn Ja, macht jemand einen Vorschlag für eine Konsequenz, über den dann wieder abgestimmt wird. Das kann zum Beispiel sein, dass der Schuldige eine Erweiterung des Regelbuchs ausformulieren muss, dass er einmal bei etwas nicht mitspielen darf, oder einfach, dass er verwarnt wird. Dieses Prinzip hat zur Folge, dass hunderte Regeln und Bestimmungen für jede Kleinigkeit entstehen. Das Regelbuch ist nicht gerade dünn.

Ich habe mich oft gefragt, ob ein von einem Erwachsenen unterstützter Dialog in vielen Situationen nicht fruchtbarer wäre als eine zähe Verhandlung. Vielleicht liegt das auch daran, dass es um die Frage geht, ob eine bestimmte Person schuldig ist oder nicht. Es geht also weniger um Einigung und Ausprache, als vielmehr um die Bewertung durch Dritte.
Wenn es zu laut wurde, griff der Erwachsene ein und ermahnte die Kinder. In solch einer Situation oder auch immer wieder im Schulalltag, sind die Erwachsenen den Schülern nicht auch Augenhöhe begegnet, sondern auf der Erwachsenen- Kind- Ebene.
Andererseits wurden viele Verhaltensweisen von Schülern auch durchgehen gelassen. Beispielsweise Beleidigungen, nicht-Aufräumen oder unrespektvolles Schreien. Manchmal hatte ich da den Eindruck, das Erwachsene da nicht eingegriffen haben, um sich nicht auf die Erwachsenen-Kind-Ebene zu begeben und zu erziehen. Gleichzeitig ist es unmöglich, wegen jeder Sache eine Beschwerde zu schreiben, weil man sonst den ganzen Tag damit beschäftigt ist. Das habe ich als Spannungsfeld erlebt.

Nach nur einer Woche fällt es mir schwer, tiefergehend zu beurteilen was ich erlebt habe, da die Zeit so kurz war. Gefestigt hat sich aber auf jeden Fall die Erkenntnis, dass es bei der Schule vor allem darauf ankommt, was die Erwachsenen tun bzw. was sie für Menschen sind. Der Rahmen und die Struktur einer Schule beeinflussen natürlich auch, was stattfindet. Massgeblich für eine „gute Schule“ ist glaube ich aber, was für Menschen da sind, was zwischen ihnen passiert und dass die Erwachsenen Vorbilder sind.
Aber wieviel führen sie? Wieviel Führung braucht und möchte der einzelne Schüler? Und vor allem, wohin führen sie? Den Versuch, auf jegliche Führung zu verzichten, halte ich für einseitig und habe bis jetzt auch nicht erlebt, dass das möglich ist. Auch glaube ich, dass die Frage der Führung sich bei jeden Kind einzeln stellt und nicht für alle pauschal zu beantworten ist. Die Schulstruktur sollte diese Frage also nicht pauschal für alle beantworten, weder in Richtung von absoluter Führung, noch in Richtung von keiner Führung. Und mit Führung meine ich nicht Zwang! Mit Führung meine ich etwas leitendes, lehrendes, das anregend und ermutigend ist. Anregend und ermutigend zur eigenen Aktivität und damit zur individuellen Entwicklung. Ich glaube, die Frage nach der Führung ist vielleicht die zentralste Frage der Pädagogik.

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3 Kommentare zu “Bunte Erfahrungen aus der Demokratischen Schule X (Berlin)

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