2 Wochen voll lebendiger Pädagogik

 

Mit vielen Fragen und Hoffnungen kam ich nach Freiburg. Im schönen Elztal, eine halbe Stunde Bahnfahrt von Freiburg entfernt, liegt hier die Freie Schule Elztal, in der ich ein zweiwöchiges Praktikum absolvierte. Ich wollte die Schule kennen lernen, in der Hoffnung, dort lebendige Waldorfpädagogik zu erleben. Und ich wollte Peter Roggenbruck, bei dem ich die allermeiste Zeit im Unterricht dabei war, als Pädagoge erleben und möglichst viel von ihm lernen.

 Die Freie Schule Elztal gibt es seit fast 30 Jahren. Damals wollten einige Eltern eine Schule für ihre Kinder, in der es mehr um den einzelnen Menschen, als um genormte Entwicklungsziele geht. Schnell fanden die Eltern und Lehrer zur Waldorfpädagogik als Grundlage und Orientierungshilfe ihres pädagogischen Handelns, bis heute ist die Schule aber nicht Mitglied im Bund der Freien Waldorfschulen. Die Schule ist in 2 Gebäuden untergebracht. Das eine ist ein ehemaliges Kranken- und Geburtshaus einer großen Fabrik und liegt direkt am Fuße eines bewaldeten Berges, was den jüngeren Schülern wunderbare Möglichkeiten bietet, draußen zu spielen und zu toben. So sind die unteren Klassen viel draußen im Wald, oder im, über die Jahre von 9. Klassen angelegten, Gelände hinter der Schule, mit Terrassen, Bänken, einer Feuerstelle, Klettermöglichkeiten, Beeten und einem Bach. Das andere Gebäude ist ein ehemaliges Hotel, in dem jetzt die Klassen 8-12 untergebracht sind. Beide Gebäude haben eine angenehme Atmosphäre, vor allem das der jüngeren Schüler strahlt viel Geborgenheit aus.

Die Klassen umfassen bis zu 15 Schülern und haben jeweils ihren eigenen Raum. Sie haben 8 Jahre lang einen Klassenlehrer, der eine Sicherheit gebende Struktur schafft und ab der 9. Klasse geht es immer mehr um Selbstständigkeit und Eigeninitiative. In den 4 Oberstufenjahren gibt es 5 mehrwöchige Berufspraktika (Handwerks-, Industrie-, Dienstleistungs-, Sozialpraktikum und Freies Praktikum) sowie verschiedene andere mehrwöchige Projekte, unter anderem die Vorbereitungsphasen auf externe Haupt- und Realschulabschlussprüfungen. Noten vergibt die Schule keine, sondern nur schriftliche Beurteilungen. Vorrangige Ziele der Oberstufenarbeit sind nicht die Abschlüsse, sondern der Erwerb der „Berufswahlreife“ sowie der Erwerb der „Lern- und Studienreife“. Nachdem die erste Generation erfolgreich auf diesem Weg das Abitur abgelegt hat, gibt es jetzt die zweite Gruppe von Schülern, die sich selbst organisiert und mit Unterstützung von Lehrern, zwei Jahre lang auf externe Prüfungen vorbereitet. Dieses Projekt nennt sich „AbiPlus“, was daher kommt, dass es um viel mehr gehen soll als nur um den Abiturstoff.

 In den beiden Wochen war ich die allermeiste Zeit bei Peter Roggenbruck und den fünf Schülern der 12. Klasse, Sophie, Mathilda, Jule, Luca und Jan. Von 9 Uhr (Schulanfang der Oberstufe) bis ca. 13 Uhr war jeden Tag gemeinsame Projektzeit und danach wurde alleine weitergearbeitet.

 

Erste Eindrücke (17.02.14)

Als ich mit Peter in den Klassenraum kam, waren die 5 Zwölftklässler gerade dabei, sich über ihre Zukunft nach der 12. Klasse zu unterhalten. Wir setzten uns gleich zu siebt an einen runden Tisch, der neben Tafel und Schulbänken stand. Ich stellte mich vor und nachdem Peter mit den Schülern entschieden hatte, in dieser Woche mit dem Thema „Berufswahlreife“ anzufangen, erzählten die 5 von ihren Praktikumserfahrungen. Alle 5 sprachen mit einer großen Klarheit und Authentizität. Überhaupt war es eine sehr ungezwungene, offene und freudige Stimmung. Jeder sagte noch, wie es bei ihm nach der 12. Klasse wahrscheinlich weitergehen werde, wobei bei jedem ein eigener Wille deutlich war. Es war bemerkenswert, wie klar allen war, was sie prinzipiell suchen. Die Schüler hatten deutlich verschiedene Charaktere und waren authentisch mit ihren Charaktereigenschaften, sie wurden in ihrer Individualität akzeptiert. Von Anfang an wurde deutlich, dass alle 5 gerne in die Schule gehen und am Thema großes Interesse hatten. Das zeigt auch die Tatsache, dass ihr Gespräch sich um eben jenes Thema gedreht hatte, als wir reinkamen. Im Unterricht ging es in keinster Weise um ein Thema, zu dem jemand keinen persönlichen Bezug hatte. Stattdessen wurde jeder Einzelne mit seinem Wesen, seinen Erfahrungen und Interessen wahrgenommen und akzeptiert.

Peters Rolle bestand darin, dass er den Rahmen des Arbeitens schuf und dabei eine große Offenheit für die Fragen und Bedürfnisse der Schüler ermöglichte. Nach dem Gespräch gab er ihnen noch mit auf den Weg, worauf es beim Schreiben eines Praktikumsberichts ankomme und nach ca. drei interessanten Stunden gingen alle nach Hause, um dort ihre Praktikumserfahrungen auszuwerten. Es war ein wunderbarer erster Morgen für mich!

Bei Peter in der 12. Klasse

In der ersten Woche war das Thema die Berufswahlreife. Die fünf kamen gerade frisch aus dem fünfwöchigen Freien Praktikum und jetzt ging es darum, die Erfahrungen, die jeder während der fünf Praktika seiner Oberstufenzeit, gesammelt hatte, auszuwerten. Ziel war es, dass jeder anhand der Eigenwahrnehmung, der Wahrnehmung der Anderen und der Beurteilungen der Praktikumsstellen, ein Persönlichkeitsprofil erstellt, in dem die individuellen Fähigkeiten aufgeführt sind. Außerdem haben wir noch auf unsere jeweiligen Schwächen sowie auf die Entwicklungsschritte, die wir während dieser Berufserfahrungen gemacht haben, geschaut. Am Ende haben wir, anhand dieser Auswertungen, jeweils eine Vision der beruflichen Zukunft entworfen. Die meisten Schritte habe ich mitgemacht, ich habe ebenfalls meine bisherigen beruflichen Erfahrungen ausgewertet, versucht meine Stärken und Schwächen zu formulieren sowie eine Vision entworfen.

Die Vormittage liefen meistens so ab, dass wir zu siebt um einen runden Tisch saßen und jeder das vortrug, was er am Nachmittag des Vortages gearbeitet hatte, was ja ganz persönliche Themen beinhaltete. Die anderen ergänzten dann den Vortragenden mit ihrer Beurteilung des mitgeteilten und es wurde darüber gesprochen. Anschließend stellte Peter eine neue Aufgabenstellung, die dann am Nachmittag bearbeitet wurde. Es wurde also immer erst alleine gearbeitet und dann das Ergebnis in der Gruppe behandelt. Das habe ich als sehr fruchtbar und effektiv erlebt. Es gab kein Pensum an Inhalten, das in einer bestimmten Zeit absolviert werden musste, sondern nur die verschiedenen Aufgaben, die jeder so ausführlich behandelte, wie er es eben schaffte. Peter hat den Schülern Angebote gemacht und sie nicht zum Arbeiten gedrängt.

Für den Vormittag war also jeweils klar, dass es darum gehen würde, das zu Hause Geschriebene zu behandeln und dass Peter am Ende eine neue Aufgabenstellung geben würde. Wie das dann genau aussah, ergab sich jeweils aus dem, was die Schüler an Vorstellungen, Ideen und Fragen mitbrachten. Peter reagierte sehr spontan auf das, was von den Schülern kam. So ging er mehrmals auf Jans Wunsch, die aktuellen politischen Geschehnisse anzuschauen, ein und reagierte vor allem bezüglich der Form, in der zusammen gearbeitet wurde, auf die Stimmung in der Klasse. Es war deutlich, dass Peter, selbst bei störenden Aktionen von Schülern, nicht gemaßregelt hat, sondern wenn, dann nur auf Verhaltensweisen hingewiesen hat. Er ist generell mit Lob und Tadel, also mit Kritik, sehr unterschiedlich umgegangen. Wenn Schüler in ihren Texten grammatikalische Fehler hatten, hat Peter diese teilweise ignoriert, weil es gerade um so ein persönliches Thema des Schülers ging. Er höre „mit interessiertem Ohr zu, nicht mit beurteilendem“, an so einer Stelle wolle er nicht beurteilen. Es war auch zu merken, dass er für die einzelnen Schüler verschiedene Formen der Ansprache gewählt hat. Wenn z.B. Luca dran war, hat Peter deutlich ruhiger gesprochen also bei Jan. Ein anderes Element mit dem er gearbeitet hat, war das „Wissen-Liefern“. In manchen Phasen hat er die Schüler „ganz bewusst“ mit viel Wissen konfrontiert. Dann hat er teilweise auch viel aus seinem eigenen Leben erzählt.

So hat er an einem Tag gezielt viel Wissen von „engen Denkstrukturen“ einfließen lassen. Als es um die Berufswelt ging, hat er viele enge Denkmuster aus der Berufswelt gebracht, im Sinne von „wenn man XY tun will, muss man Schein436 haben“. Peter meinte, dass er die Schüler damit konfrontiert habe, da er früh gemerkt habe, dass eine Schülerin sich nicht auf das Konkrete in der Aufgabenstellung einlasse. So habe er sie zum Denken angeregt und die Schüler seien nun durch das komprimierte Wissen „gespannt wie eine Feder“. Er arbeite viel mit unterschiedlichen Denk- und Gefühlsstrukturen, gerade in Hinblick auf die Elemente Enge und Weite. Die nächste Aufgabe nach diesem Tag war es, eine Berufsvision fürs gesamte Berufsleben zu entwickeln. Die Vision zu schreiben, war eine tolle Sache und die Visionen der Anderen zu hören ebenfalls. Aus diesen Visionen konnte man sehr viel über die einzelnen Menschen herauslesen und es war eine wunderschöne gedankliche Weite im Raum.

Noch am selben Tag fingen wir mit dem zweiten Thema, der Vorbereitung auf das Projekt Realschulabschluss, an, was bedeutete, dass wir aus der Weite sehr in die Enge gingen. Peter ist keiner der Fachlehrer, die die Schüler in den nächsten viereinhalb Monaten inhaltlich auf den RSA vorbereiten werden. Er begleitet die Klasse stattdessen in ihrem Lern- und Arbeitsprozess, es ging also um das „Wie“ und nicht um das „Was“.

Als erstes stellte Peter die Frage, mit welchen Gefühlen, Erwartungen und Vornahmen die Schüler denn in dieses Projekt starten würden. Daraufhin gab Peter einigen Input. Er wies nochmal darauf hin, dass niemand das Projekt machen müsse und dass man jederzeit aussteigen könne. Die Fünf könnten selbst entscheiden, wie viel Hilfe sie von den Lehrern bekommen wollen und sie seien für den Lernprozess selbst verantwortlich. All das machte er vor allem anhand von Beispielen vorheriger Klassen deutlich, so dass viele Bilder entstanden. Auf Äußerungen von Schülern ging er direkt ein, indem er Verständnis zeigte, Tipps gab und Mut machte. Peter war sehr „präsent“, er gab wirklich viel Input. So waren die Schüler sichtlich mit der Frage konfrontiert und wurden sehr nachdenklich. In dieser Stimmung und mit der Frage als Aufgabe, gingen sie nach Hause und wir trafen uns am nächsten Morgen wieder.

Es war bereits der letzte Tag, an dem wir arbeiteten, da am nächsten Tag bereits der „Schmutzige Dunschtig“ war, an dem wir mit der ganzen Oberstufe ein Völkerballturnier machten, bevor es in die Fastnachtsferien ging. Peter begann den Unterricht, indem er von einer eigenen Prüfungssituation erzählte, vor der er gerade stehe. Er sei sehr unsicher und am zweifeln, da er schlecht vorbereitet sei und ihm die Zeit fehle, sich noch genügend vorzubereiten. So zeigte er den Schülern, dass sie mit etwaigen Zweifeln und Ängsten nicht allein seien, sondern sogar ihr eigener Lehrer in einer ähnlichen Situation sei. Nun erzählte ein Schüler von seiner seelischen Situation in Bezug auf das RSA Projekt, die sehr von Unsicherheit und Zweifeln geprägt war. Wenn er etwas äußerte, fragte Peter auch die Anderen, wie es bei ihnen an diesem Punkt aussehe. So entwickelte sich eine sehr offene Gesprächsrunde. Die Schüler erzählten auf Peters Frage hin, wie die Situation mit ihren Eltern sei, ob diese ihnen genug helfen würden und ob sie ihnen zu viel Druck machen würden. Es ging um das Verhältnis zwischen Schwere und Leichtigkeit der Verfassung mit der die Schüler in das Projekt starteten. Es ging Peter vor allem darum, den Schülern zu zeigen, dass sie ihre Sorgen, Fragen und Unsicherheiten nicht alleine tragen müssten, sondern dass die Gruppe das Projekt auch auf dieser Ebene gemeinsam absolvieren könnte.

Er führte die Schüler auch gezielt zu ihren Lern- und Arbeitsbeziehungen untereinander. Als die Konzentration nachließ, reagierte er, indem er vom Gespräch zu einer anderen Arbeitsform wechselte, er ließ die Schüler erst ihre menschlichen und dann auch ihre inhaltlichen Wünsche an die jeweils Anderen formulieren und vorlesen. Sie beschrieben beeindruckend klar Eigenschaften der Anderen und es war spannend, wie sie dadurch in Bezug zueinander traten. Als ein Schüler auf eine der Aufgabenstellungen widerwillig reagierte, brachte Peter einen lustigen Spruch, „um ihn abzulenken“ und „aufzulockern“, was sichtlich funktionierte.

 Auf die Frage eines Schülers hin, sagten alle ihre Wunschnote für den RSA, wodurch schnell der Druck zum Thema wurde. Peter fragte die Schüler, wie sie mit Druck umgehen würden. Einzelne offenbarten daraufhin, wie schon vorher, sehr persönliche Zweifel und Ängste, womit Peter dann umging. Er ging lange auf einen Schüler ein, der besonders unter Druck stand. Durch Fragen führte er ihn zu Handlungsansätzen, die ihm sichtlich Orientierung und Mut gaben. So veränderte sich die ganze Stimmung von zweifelnder Bedrückung hin zu mehr Sicherheit und Leichtigkeit. Gegen Ende des Vormittags gab Peter ihnen die Aufgabe, sich auf ihre jeweiligen Stärken zu besinnen und jeweils einen „Energiesatz“ zu formulieren. Einer lautete beispielsweise „ich gehe ehrgeizig und fleißig durch das Tor des Realschulabschluss“. Das war dann sozusagen ein ermutigender Abschluss der „Ausrichtungstage“. Es war unheimlich beeindruckend, auf was für einer tiefen seelischen Ebene die Schüler sich öffneten und was für Bewusstwerdungsprozesse stattfanden. Peters Arbeit ging weit über die reine Wissensvermittlung hinaus, er begleitete vielmehr wesentliche persönliche Entwicklungsprozesse.

Am letzten Tag erlebte ich noch das Völkerballturnier der Oberstufe, bei dem es sehr humorvoll und doch auch konzentriert zuging. Alle waren verkleidet, auch die Lehrer; und diese spielten den ganzen Vormittag über konsequent die lustigen Rollen, in die sie mit ihrer Verkleidung geschlüpft waren.

Mathematik in der 9. Klasse

An zwei Tagen war ich morgens bei der 9. Klasse, die gerade Mathematik Epoche bei Christian hatte. Wie die 12., ist auch diese Klasse sehr klein, sie hat gerade mal 7 Schüler. Im Gegensatz zum Unterricht in der 12 Klasse, habe ich einen inhaltlich sehr geführten Unterricht erlebt.

Nach einem Kopfrechenteil ging es los: Christian hatte eine Problemstellung gegeben, auf deren mathematische Lösung jetzt hingearbeitet wurde. Dabei baute er Gedanke um Gedanke logisch aufeinander auf und versuchte die Schüler mitzunehmen. Er war merklich darauf bedacht, auf jeden einzugehen. So sprach er auch Schüler einzeln an und stellte ihnen entsprechend ihrem Leistungsniveau Fragen. Wenn er Fragen an alle stellte und jemand eine Idee für die Lösung hatte, ließ er ihr oder ihm Zeit und Gelegenheit, den Anderen die Idee zu erklären und sogar selbst auf den Fehler zu kommen, wenn einer vorlag. Er fragte aber nicht endlos die Schüler, sondern gab nach ein paar Antwortversuchen selber die Antwort. Alle Gedankengänge veranschaulichte er mit Zeichnungen an der Tafel und die Schüler zeichneten dann alles ab. Dabei war für ihn Zeit, um mit Einzelnen zu sprechen. Danach wurde das entdeckte Prinzip der Scherung angewendet, indem ein Quadrat zu immer höheren Rechtecken geschert wurde. Das machte Christian an der Tafel und die Schüler machten es auf ihren Blättern, wobei sie sich an Christian orientieren konnten. So arbeiteten alle konzentriert bis zum Ende des knapp zweistündigen Unterrichts. Wenn ein Schüler ein Problem hatte, fragte er Christian um Hilfe, der dann zu ihm kam und ihm half. Was nicht fertig gearbeitet wurde, sollte zuhause gemacht werden.

Das ganze Unterricht hatte ein Tempo, bei dem kein Stress entstand, wenn es für jemanden zu schnell ging, konnte er jederzeit Bescheid sagen. Trotzdem hatte der Unterricht Zug. Christian benutzte die Fachsprache und versuchte nicht, den Stoff irgendwie „mundgerecht zuzubereiten“. Es war ein sehr wissenschaftlicher Unterricht. Im Prinzip führte Christian seine Gedankengänge zur Lösung der Problemstellung, logisch aufeinander aufgebaut und anschaulich, vor und versuchte die Schüler mitzunehmen.

Das Kernfächerlernen

Das Kernfächerlernen ist für die Klassen 9 und 10, es ersetzt den Fachunterricht für die Fächer Mathematik, Deutsch und Englisch. Jeder Schüler hat ein „Lerntagebuch“, in dem für alle drei Fächer Lernbausteine aufgelistet sind, die er sich dann nach und nach vornimmt. Jede Woche wählen die Schüler zwischen den drei Fächern aus und arbeiten jeden Tag 2 Stunden in diesem Fach. Alleine, zu zweit oder auch in kleinen Gruppen kann jeder in seinem Tempo und auf seinem Niveau lernen. Das Kernfächerlernen hat zum Ziel, „dass der einzelne Schüler ein Bewusstsein über das eigene Lernverhalten entwickeln kann, um eigenverantwortliches Lernen und Arbeiten zu erreichen“. Jeden Montag hält der Einzelne seine Vornahmen schriftlich fest und spricht sie mit dem jeweiligen Fachlehrer ab. Diese Wochenziele werden jeden Freitag in einem persönlichen Beratungsgespräch mit dem verantwortlichen Fachlehrer reflektiert. „Dadurch können Lernverhalten, Lernstand und Lernfortschritt festgestellt werden, um die nächste Vornahme zu setzen.“

Als ich beim Kernfächerlernen in Deutsch dabei war, saßen wir zu siebt um einen Tisch herum und die meiste Zeit arbeiteten alle konzentriert. Simone, die Lehrerin, half die meiste Zeit einem Zehntklässler, der noch nicht lange Deutsch sprach, zwei Zehntklässler sowie eine Neuntklässlerin arbeiteten jeweils an Textanalysen und ein Achtklässler (die Achtklässler schnuppern immer ab Weihnachten bis zum Schuljahresende ins Kernfächerlernen rein) bearbeitete ein Arbeitsblatt. Es war eine angenehme Atmosphäre, die nur von Zeit zu Zeit von zwei der Zehntklässler gestört wurde, die sich schlecht konzentrieren konnten und redeten, oder andere Geräusche machten. Simone ermahnte die Schüler dann aber nicht, sondern akzeptierte es. So trieb sie die Schüler nicht an und drängte sie nicht zur Arbeit, wodurch die Schüler wirklich selbst initiativ werden mussten.

Am nächsten Tag war ich wieder im Kernfächerlernen Deutsch, es war Freitag und deshalb standen die Reflexionsgespräche an. Simone besprach einzeln mit den Schülern ihre Wochenleistung. Erst zogen die Schüler selbst ein Fazit, wozu Simone ihnen dann Fragen stellte. Beispielsweise „bist du mit deiner Leistung zufrieden?“ und falls sie das nicht waren, fragte sie „was könntest du verändern?“ und „was könnte ich tun, um dir zu helfen?“ Die beiden Zehntklässler, die sich am Vortag so schlecht konzentrieren konnten, waren beide mit ihrer Leistung unzufrieden. Es war deutlich zu merken, wie sie mit sich rangen und dass sie eigentlich arbeiten wollen. Erst am Ende des jeweiligen Gesprächs beurteilte Simone, wie sie die Wochenleistung des Schülers sehe. Es wurde deutlich, wie stark es beim Kernfächerlernen um die Eigeninitiative der Schüler geht und dass sie nicht gezwungen werden. Mein Eindruck ist, dass es wirklich um den Prozess ging, sich das eigene Lernverhalten bewusst zu machen und daran zu arbeiten.

 

Die Zeit bei Peter und überhaupt in der Freien Schule Elztal hat meine Erwartungen und Hoffnungen weit übertroffen. Ich habe beeindruckende Schüler und Lehrer erlebt, spannende Schulstrukturen und Unterrichtsformen sowie in Peter einen besonders beeindruckenden Lehrer begleitet, von dem ich unheimlich viel mitnehmen konnte. In seinem Unterricht war ich nicht bloß Praktikant und Beobachter, sondern habe zum Teil wie die Schüler mitgemacht. Und auch das hat mir enorm viel gebracht, gerade in Sachen Selbsterkenntnis und Zukunftsvorstellungen. Ich habe mich im Elztal sehr wohlgefühlt und eine intensive, lehrreiche Zeit erlebt. Dafür bin ich allen Menschen, die dazu beigetragen haben und vor allem Peter sehr dankbar und war sicher nicht das letzte Mal in der Freien Schule Elztal.

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