Wie kann man verhindern, dass aus einem guten Geist ein Gespenst wird?

zur Studienfrage von Jan:

Ich beginne zu schreiben.

Bisher habe ich mich dagegen gewehrt, denn ich habe den Verdacht, dass das Aufschreiben ein Teil des Problems ist, welches ich untersuche.

Aber ich beginne nun doch aus drei Gründen:

Erstens kann ich die Fülle der Gedanken nicht mehr in meinem Kopf halten, es erscheint mir wie der Versuch, zwanzig Kartoffeln mit bloßen Händen aus dem Keller ans Licht bringen zu wollen. Wenn ich mich nach einer fallen gelassenen Kartoffel bücke, entgleiten mir zwei weitere.

Zweitens glaube ich daran, dass Erkenntnis nur im Dialog entstehen kann. Nun sei dies der Aufruf an jeden, der den Text liest, ihn zu hinterfragen, zu kritisieren oder zu bestätigen.

Drittens muss ich den Versuch zu schreiben selbst wagen, und sei es, um zu scheitern.

(Zum Grund meiner Annahme, dass das Aufschreiben einen guten Grundgedanken zu einer Farce machen kann, später mehr.)

 

 

Was meine ich überhaupt damit?

Ich frage mich, wie es sein kann, wie in der Menschheitsgeschichte aus so vielen guten Gedanken und Ideen so viel Schlechtes, so viel Verqueres oder gar Böses entstehen konnte.

Was hat die Kirche aus Jesus Christus gemacht, was der Sozialismus aus Karl Marx?

Wurde deren Grundhaltung, ihr Menschenbild weitergegeben, oder hauptsächlich Regeln und Methoden? Ist das, was daraus entstanden ist in ihrem Sinne, oder ist es gar das Gegenteil geworden?

Jeden Tag begegnen mir weitere Beispiele. Jedes Gesetz unseres Landes ist im Grunde dafür entworfen worden, dass es uns Menschen gut geht, um unser Zusammenleben zu erleichtern, um uns Sicherheit und Klarheit zu geben. Aber tun dies die Gesetze und ihre ausführenden Organe? Erleichtern unsere Gesetze unser Zusammenleben? Wenn nicht, wie konnte es geschehen, dass der gute Auftrag nicht erfüllt wird?

Inzwischen habe ich ebenfalls Parallelen im Privaten entdecken können. Eine Beziehung beginnt im siebenden Himmel und endet viel zu oft in der Hölle.

Ich habe den Verdacht, dass das Problem im Spannungsfeld von Determination und Freiheit zu finden ist.

Ist ein Wechselspiel, eine Gratwanderung nötig, sind Kompromisse die Lösung, oder müssen radikal neue Wege beschritten werden?

 

 

Lebensfrage.

Diese Fragen beschäftigen mich unbewusst schon ewig, bewusst seit ein paar Monaten und ich weiß nicht, ob ich jemals befriedigende Antworten finden werde.

Aber es tut gut, diese Fragen als Studienfrage benennen zu dürfen. Es verleiht ihnen etwas Offizielles. Ich weiß nicht, wieso ich mir das selbst so legitimieren muss, aber es ist schön, sich zu unterhalten und an den Punkt zu kommen, dass mein Gegenüber sagt: „Hey, das passt doch gerade total gut zu deiner Studienfrage.“

Wann erlauben wir uns eigentlich die wichtigen Fragen in unserem Leben so offen zu stellen. Wann sprechen wir zu unseren Mitmenschen über die Dinge, die in uns brennen, die wir wissen wollen? Wann gehen wir ihnen nach, wann trauen wir uns, sie als wichtig anzusehen? Ich würde mir wünschen jeder könnte das, und zwar immer. Und ich würde mir wünschen man bräuchte nicht mal mehr ein so freies Studium, wie das unsrige dafür.

 

 

Ich habe keine Ahnung.

Wir haben uns Universität genannt. Nicht ohne Grund. Dies impliziert auch den Anspruch, dass hier wissenschaftlich gearbeitet wird.

Ich habe aber keine Ahnung von den Methoden wissenschaftlichen Arbeitens. Ich weiß nicht, wie man ordentlich Quellen angibt, wie man Thesen aufstellt, wie man Theorien belegt und untermauert, etc.

Ich frage mich, warum ich keine Lust habe, mich mit diesen Regeln vertraut zu machen, obgleich sie doch gewiss ihren Sinn haben. Ich zweifle auch nicht an der Wissenschaft als Solches, ganz im Gegenteil, ich bin begeistert von wissenschaftlichen Erkenntnissen, nur habe ich (bisher noch recht unklare) Zweifel an der Absolutheit der Methoden.

…. Und schon beginnt bei mir, in dem Moment, da ich dies schreibe, ein leiser Verdacht, ein Zusammenhang mit meinem Thema.

 

 

Aber ich habe meinen eigenen Anspruch.

Ich werde mir größte Mühe geben, so präzise, so genau wie möglich zu sein, werde versuchen keine Behauptungen aufzustellen, immer ehrlich, transparent und nachvollziehbar zu sein. Ob das dann wissenschaftlich ist, weiß ich nicht.

Aber mir ist bewusst, dass all das, was ich sehe auch ganz anders sein kann und bin gespannt dies Andere zu hören. Ich bitte Dich, der/die du das liest, nicht zu zögern, mir jeden noch so kleinen Zweifel nicht vorzuenthalten. Mich dürstet nach Beispielen, die meine Frage widerlegen. Ich möchte aus Beispielen lernen, die nicht verdreht und missbraucht wurden, die klar und unmissverständlich, aber dennoch praktisch im Leben umgesetzt wurden oder werden.

 

 

Schreiben

Ich hatte den Verdacht geäussert, dass das Aufschreiben in einem Zusammenhang steht, mit der Entwicklung vom Geist zum Gespenst. Es ist also auch die Frage nach dem Medium. Ich werde in Zukunft weiter untersuchen, ob sich andere Medien besser eignen, oder ob gar nur der Mensch selbst in der persönlichen Weitergabe fähig ist, den Geist zu bewahren.

Als erstes kleines Gedankenexperiment sei ein Beispiel aus dem ganz Persönlichen angeführt:

Man stelle sich vor, ein frisch verliebtes Paar würde all ihre Wünsche und Erwartungen an ihre Beziehung in einen Regelkatalog aufnehmen, an den sie sich zu halten verpflichten. Für wie wahrscheinlich halten wir das Gelingen und den Fortbestand dieser Beziehung?

Es erscheint mir beim Formulieren dieses kleinen Experimentes eine weitere Ahnung: Braucht es für ein Fortbestehen des Anfangsgefühls eine flexible anpassungsfähige Struktur, die eben nicht Schwarz auf Weiß in Stein gemeißelt ist, sondern wie ein Grashalm im Wind immer wieder neu erfunden werden kann, dessen eigentliches Wesen, das des Halmes aber bestehen bleibt?

Für mich entsteht daraus die Aufgabe zu untersuchen, wie ist ein solcher Grashalm beschaffen, aus welchem Stoff ist er und wie er wachsen kann.

 

Ich würde gern untersuchen, ob Text überhaupt in der Lage ist eine Haltung oder ein Gefühl zu transportieren.

All die Worte lösen etwas im Leser aus, dies ist aber nicht zwangsläufig das Gleiche, wie beim Autor. Nur dann, wenn der Gegenstand der Beschreibung auf eine gemeinsame Erfahrung beruht. Und selbst dann ist die Wahrnehmung jedes einzelnen unterschiedlich.

Wenn man konsequent ist, können Worte nur beim Autor selbst die Bilder und Gefühle wachrufen, die er mit diesen Worten auch wirklich meint. Also kann auch ich hier streng genommen nur für mich selbst schreiben???

 

Gute, inspirierende Texte lösen bei jedem Leser etwas aus, etwas, das mit ihm selbst zu tun hat. Dies erscheint mir aber nicht als probates Mittel zur Weitergabe von wirklich wichtigen Dingen, wie (Grund)Haltungen, Einstellungen, Erkenntnissen oder Gefühle. Wie kann ich denn etwas ganz Neues, etwas Bahnbrechendes vermitteln, wenn ich immer vom gleichen Erfahrungsschatz ausgehen muss? Oder geht es letztlich gar nicht um die Weitergabe, sondern um den Anstoß zur Selbsterfahrung?

 

 

Filmen

Ein weitere Grundimpuls, der in meiner Biografie begründet ist, ist der Zweifel am puren Inhalt von Worten. Seit ich mich erinnern kann, traue ich dem rein Faktischen weit weniger Wahrheitsgehalt zu, als dem Gefühl, dass sich aus einer Tonlage, einer Geste, einem Bild usw. ergibt.

Meine Intention als Filmemacher war zu Beginn auch deutlich darin begründet, Filme zu machen, die ohne Worte auskommen. Es war ein Versuch den Kern der Dinge ohne Text zu erfassen. Die Frage, die sich mir aus dieser eigenen Erfahrung stellt ist, eröffnet Film die Möglichkeit dem Wesenskern näher zu sein?

Ich zweifle auch daran, da ich ebenfalls ganz stark das Gefühl habe, mit Film nur an der Oberfläche zu kratzen, keine tiefergehenden Diskurse führen zu können. Ausserdem ist ein Film, wenn er einmal fertig ist auch ein unveränderliches Werk, ein unerschütterliches Denkmal.

Ich werde daran aber noch weiter forschen müssen. Wer weiß, welche Form oder Fusion von Medien ich ausprobieren werde, um dem Prinzip des Grashalms näher zu kommen.

 

Die Herangehensweise, sich einer Frage zu widmen und sie bis in alle Winkel zu beleuchten ist mir aus der Arbeit an meinen Filmen sehr vertraut, mein Filmstudium lief auch genau so ab. Letztlich war ich am Ende, bei jedem Thema, bei jedem Film, ein Experte auf dem entsprechenden Gebiet.

Deswegen finde ich die Übertragung dieser Arbeitsweise auf andere Fachgebiete mehr als schlüssig und sinnvoll. Mir erscheint der Weg, den die Universidee-Studenten einschlagen darum als ein wahrlich guter und überhaupt nicht extravagant.

 

Vor ein paar Tagen habe ich mich gefragt, warum ich dieses Mal, bei dieser Frage keine Film mache und musste verwundert feststellen, dass diese Aussage gar nicht stimmig ist.

Meine Filmerei mit Funkenflug und die Aufnahmen vom Uniexperiment folgen einer mir bis vor Kurzem unbekannten inneren Spur, die durchaus mit der Studienfrage kohärent ist.

Funkenflug ist in einer Phase, in der die Ideen inzwischen von Dritten weiter getragen werden, in der manch einer nur über Print- oder Bildschirmmedien davon erfährt. Das Uniexperiment ist an dem Punkt, an dem wir uns fragen, wie geht es weiter, wie halten wir den „Flow“, wenn wir weit verstreut sein werden, wenn im Haus in Stuttgart neue Leute wohnen? Was ist, wenn es nur noch zu einer WG wird? Ich bin also schon längst drin in einem Film, oder sagen wir in etwas, dass auch filmische Elemente hat und vielleicht auch noch etwas ganz Anderes, von dem ich noch gar nicht weiß, was es ist.

 

 

 

Ich bin unglaublich gespannt und freue mich, dass ich all dies tun kann!

Advertisements

Netze und Knotenpunkte

Ein kurzer Text zur Studienmotivation von Jan.

Wir bewegen uns in Kreisen, die sich überlappen, auf Spuren, die sich nicht berühren. Weder in Zeit, noch in Raum. Mein Gebiet durchdringt die der anderen. Ich sitze auf Stühlen auf denen viele saßen, ich denke Dinge, die viele gedacht, ich gehe Wege die andere kreuzen, ich spüre, was viele gespürt haben.
Auf der Ebene meines Kreises, im Raum meines Gebietes gibt es unzählige Knotenpunkte mit Anderen. Keine ungesehenen Überschneidungen unbekannter paralleler Existenzen, sondern Berührungen, Begegnungen.
Ein Geflecht aus Berührungspunkten übersäät meinen Raum. Das Netz meines Lebens, dass ich bin.
Die Zwischenräume zwischen den Maschen sind nicht leer, nur eben für mich nicht sichtbar, nicht ergreifbar. Doch sie sind reich und erfüllt, sind voll mit Anderen und Anderem.
Ich möchte ein Gespür für den Inhalt dieser Zwischenräume bekommen, wenngleich ich sie nie betreten kann.
Es reicht dafür nicht aus, meine Bahnen zu ziehen, mein Netz durch Raum und Zeit zu spinnen, es reicht nicht weite Entfernungen zu überwinden, denn die Zwischenräume werden zu groß, es reicht nicht eng zu flechten, dann bleibt mein Raum zu klein.
Ich muss an den Berührungspunkten verweilen, den Netzen der anderen lauschen, ihre Bahnen nachempfinden. Ich möchte an ihren Fäden zupfen, sie in Schwingungen versetzen, dass mir ihr Klang etwas über ihre Wege verrät.
Manche Netze kann ich verstehen, als wären es meine eigenen, sie schwingen in Resonanz. Zu ihnen möchte ich mehr Knotenpunkte knüpfen, denn sie erweitern meinen Horizont und ergänzen meine Leerstellen, obgleich sie nicht mehr wissen als ich selbst.
Doch sie überstreichen mir unbekannten Raum.
Ein Mensch, ein Baum ein Tier, ein Ding erzählt mir so seine Geschichte. Wenn wir uns sehen und erkennen, begegnen und berühren wird diese Geschichte meine eigenene, so wie meine die ihrige wird. Die Netze ergänzen sich, erweitern sich, bieten sich Halt. Zusammengenommen bilden sie das große Ganze.
Es liegt an mir, wie viel ich davon erfassen, oder erahnen werde.
– Jan