2 Wochen voll lebendiger Pädagogik

 

Mit vielen Fragen und Hoffnungen kam ich nach Freiburg. Im schönen Elztal, eine halbe Stunde Bahnfahrt von Freiburg entfernt, liegt hier die Freie Schule Elztal, in der ich ein zweiwöchiges Praktikum absolvierte. Ich wollte die Schule kennen lernen, in der Hoffnung, dort lebendige Waldorfpädagogik zu erleben. Und ich wollte Peter Roggenbruck, bei dem ich die allermeiste Zeit im Unterricht dabei war, als Pädagoge erleben und möglichst viel von ihm lernen.

 Die Freie Schule Elztal gibt es seit fast 30 Jahren. Damals wollten einige Eltern eine Schule für ihre Kinder, in der es mehr um den einzelnen Menschen, als um genormte Entwicklungsziele geht. Schnell fanden die Eltern und Lehrer zur Waldorfpädagogik als Grundlage und Orientierungshilfe ihres pädagogischen Handelns, bis heute ist die Schule aber nicht Mitglied im Bund der Freien Waldorfschulen. Die Schule ist in 2 Gebäuden untergebracht. Das eine ist ein ehemaliges Kranken- und Geburtshaus einer großen Fabrik und liegt direkt am Fuße eines bewaldeten Berges, was den jüngeren Schülern wunderbare Möglichkeiten bietet, draußen zu spielen und zu toben. So sind die unteren Klassen viel draußen im Wald, oder im, über die Jahre von 9. Klassen angelegten, Gelände hinter der Schule, mit Terrassen, Bänken, einer Feuerstelle, Klettermöglichkeiten, Beeten und einem Bach. Das andere Gebäude ist ein ehemaliges Hotel, in dem jetzt die Klassen 8-12 untergebracht sind. Beide Gebäude haben eine angenehme Atmosphäre, vor allem das der jüngeren Schüler strahlt viel Geborgenheit aus.

Die Klassen umfassen bis zu 15 Schülern und haben jeweils ihren eigenen Raum. Sie haben 8 Jahre lang einen Klassenlehrer, der eine Sicherheit gebende Struktur schafft und ab der 9. Klasse geht es immer mehr um Selbstständigkeit und Eigeninitiative. In den 4 Oberstufenjahren gibt es 5 mehrwöchige Berufspraktika (Handwerks-, Industrie-, Dienstleistungs-, Sozialpraktikum und Freies Praktikum) sowie verschiedene andere mehrwöchige Projekte, unter anderem die Vorbereitungsphasen auf externe Haupt- und Realschulabschlussprüfungen. Noten vergibt die Schule keine, sondern nur schriftliche Beurteilungen. Vorrangige Ziele der Oberstufenarbeit sind nicht die Abschlüsse, sondern der Erwerb der „Berufswahlreife“ sowie der Erwerb der „Lern- und Studienreife“. Nachdem die erste Generation erfolgreich auf diesem Weg das Abitur abgelegt hat, gibt es jetzt die zweite Gruppe von Schülern, die sich selbst organisiert und mit Unterstützung von Lehrern, zwei Jahre lang auf externe Prüfungen vorbereitet. Dieses Projekt nennt sich „AbiPlus“, was daher kommt, dass es um viel mehr gehen soll als nur um den Abiturstoff.

 In den beiden Wochen war ich die allermeiste Zeit bei Peter Roggenbruck und den fünf Schülern der 12. Klasse, Sophie, Mathilda, Jule, Luca und Jan. Von 9 Uhr (Schulanfang der Oberstufe) bis ca. 13 Uhr war jeden Tag gemeinsame Projektzeit und danach wurde alleine weitergearbeitet.

 

Erste Eindrücke (17.02.14)

Als ich mit Peter in den Klassenraum kam, waren die 5 Zwölftklässler gerade dabei, sich über ihre Zukunft nach der 12. Klasse zu unterhalten. Wir setzten uns gleich zu siebt an einen runden Tisch, der neben Tafel und Schulbänken stand. Ich stellte mich vor und nachdem Peter mit den Schülern entschieden hatte, in dieser Woche mit dem Thema „Berufswahlreife“ anzufangen, erzählten die 5 von ihren Praktikumserfahrungen. Alle 5 sprachen mit einer großen Klarheit und Authentizität. Überhaupt war es eine sehr ungezwungene, offene und freudige Stimmung. Jeder sagte noch, wie es bei ihm nach der 12. Klasse wahrscheinlich weitergehen werde, wobei bei jedem ein eigener Wille deutlich war. Es war bemerkenswert, wie klar allen war, was sie prinzipiell suchen. Die Schüler hatten deutlich verschiedene Charaktere und waren authentisch mit ihren Charaktereigenschaften, sie wurden in ihrer Individualität akzeptiert. Von Anfang an wurde deutlich, dass alle 5 gerne in die Schule gehen und am Thema großes Interesse hatten. Das zeigt auch die Tatsache, dass ihr Gespräch sich um eben jenes Thema gedreht hatte, als wir reinkamen. Im Unterricht ging es in keinster Weise um ein Thema, zu dem jemand keinen persönlichen Bezug hatte. Stattdessen wurde jeder Einzelne mit seinem Wesen, seinen Erfahrungen und Interessen wahrgenommen und akzeptiert.

Peters Rolle bestand darin, dass er den Rahmen des Arbeitens schuf und dabei eine große Offenheit für die Fragen und Bedürfnisse der Schüler ermöglichte. Nach dem Gespräch gab er ihnen noch mit auf den Weg, worauf es beim Schreiben eines Praktikumsberichts ankomme und nach ca. drei interessanten Stunden gingen alle nach Hause, um dort ihre Praktikumserfahrungen auszuwerten. Es war ein wunderbarer erster Morgen für mich!

Bei Peter in der 12. Klasse

In der ersten Woche war das Thema die Berufswahlreife. Die fünf kamen gerade frisch aus dem fünfwöchigen Freien Praktikum und jetzt ging es darum, die Erfahrungen, die jeder während der fünf Praktika seiner Oberstufenzeit, gesammelt hatte, auszuwerten. Ziel war es, dass jeder anhand der Eigenwahrnehmung, der Wahrnehmung der Anderen und der Beurteilungen der Praktikumsstellen, ein Persönlichkeitsprofil erstellt, in dem die individuellen Fähigkeiten aufgeführt sind. Außerdem haben wir noch auf unsere jeweiligen Schwächen sowie auf die Entwicklungsschritte, die wir während dieser Berufserfahrungen gemacht haben, geschaut. Am Ende haben wir, anhand dieser Auswertungen, jeweils eine Vision der beruflichen Zukunft entworfen. Die meisten Schritte habe ich mitgemacht, ich habe ebenfalls meine bisherigen beruflichen Erfahrungen ausgewertet, versucht meine Stärken und Schwächen zu formulieren sowie eine Vision entworfen.

Die Vormittage liefen meistens so ab, dass wir zu siebt um einen runden Tisch saßen und jeder das vortrug, was er am Nachmittag des Vortages gearbeitet hatte, was ja ganz persönliche Themen beinhaltete. Die anderen ergänzten dann den Vortragenden mit ihrer Beurteilung des mitgeteilten und es wurde darüber gesprochen. Anschließend stellte Peter eine neue Aufgabenstellung, die dann am Nachmittag bearbeitet wurde. Es wurde also immer erst alleine gearbeitet und dann das Ergebnis in der Gruppe behandelt. Das habe ich als sehr fruchtbar und effektiv erlebt. Es gab kein Pensum an Inhalten, das in einer bestimmten Zeit absolviert werden musste, sondern nur die verschiedenen Aufgaben, die jeder so ausführlich behandelte, wie er es eben schaffte. Peter hat den Schülern Angebote gemacht und sie nicht zum Arbeiten gedrängt.

Für den Vormittag war also jeweils klar, dass es darum gehen würde, das zu Hause Geschriebene zu behandeln und dass Peter am Ende eine neue Aufgabenstellung geben würde. Wie das dann genau aussah, ergab sich jeweils aus dem, was die Schüler an Vorstellungen, Ideen und Fragen mitbrachten. Peter reagierte sehr spontan auf das, was von den Schülern kam. So ging er mehrmals auf Jans Wunsch, die aktuellen politischen Geschehnisse anzuschauen, ein und reagierte vor allem bezüglich der Form, in der zusammen gearbeitet wurde, auf die Stimmung in der Klasse. Es war deutlich, dass Peter, selbst bei störenden Aktionen von Schülern, nicht gemaßregelt hat, sondern wenn, dann nur auf Verhaltensweisen hingewiesen hat. Er ist generell mit Lob und Tadel, also mit Kritik, sehr unterschiedlich umgegangen. Wenn Schüler in ihren Texten grammatikalische Fehler hatten, hat Peter diese teilweise ignoriert, weil es gerade um so ein persönliches Thema des Schülers ging. Er höre „mit interessiertem Ohr zu, nicht mit beurteilendem“, an so einer Stelle wolle er nicht beurteilen. Es war auch zu merken, dass er für die einzelnen Schüler verschiedene Formen der Ansprache gewählt hat. Wenn z.B. Luca dran war, hat Peter deutlich ruhiger gesprochen also bei Jan. Ein anderes Element mit dem er gearbeitet hat, war das „Wissen-Liefern“. In manchen Phasen hat er die Schüler „ganz bewusst“ mit viel Wissen konfrontiert. Dann hat er teilweise auch viel aus seinem eigenen Leben erzählt.

So hat er an einem Tag gezielt viel Wissen von „engen Denkstrukturen“ einfließen lassen. Als es um die Berufswelt ging, hat er viele enge Denkmuster aus der Berufswelt gebracht, im Sinne von „wenn man XY tun will, muss man Schein436 haben“. Peter meinte, dass er die Schüler damit konfrontiert habe, da er früh gemerkt habe, dass eine Schülerin sich nicht auf das Konkrete in der Aufgabenstellung einlasse. So habe er sie zum Denken angeregt und die Schüler seien nun durch das komprimierte Wissen „gespannt wie eine Feder“. Er arbeite viel mit unterschiedlichen Denk- und Gefühlsstrukturen, gerade in Hinblick auf die Elemente Enge und Weite. Die nächste Aufgabe nach diesem Tag war es, eine Berufsvision fürs gesamte Berufsleben zu entwickeln. Die Vision zu schreiben, war eine tolle Sache und die Visionen der Anderen zu hören ebenfalls. Aus diesen Visionen konnte man sehr viel über die einzelnen Menschen herauslesen und es war eine wunderschöne gedankliche Weite im Raum.

Noch am selben Tag fingen wir mit dem zweiten Thema, der Vorbereitung auf das Projekt Realschulabschluss, an, was bedeutete, dass wir aus der Weite sehr in die Enge gingen. Peter ist keiner der Fachlehrer, die die Schüler in den nächsten viereinhalb Monaten inhaltlich auf den RSA vorbereiten werden. Er begleitet die Klasse stattdessen in ihrem Lern- und Arbeitsprozess, es ging also um das „Wie“ und nicht um das „Was“.

Als erstes stellte Peter die Frage, mit welchen Gefühlen, Erwartungen und Vornahmen die Schüler denn in dieses Projekt starten würden. Daraufhin gab Peter einigen Input. Er wies nochmal darauf hin, dass niemand das Projekt machen müsse und dass man jederzeit aussteigen könne. Die Fünf könnten selbst entscheiden, wie viel Hilfe sie von den Lehrern bekommen wollen und sie seien für den Lernprozess selbst verantwortlich. All das machte er vor allem anhand von Beispielen vorheriger Klassen deutlich, so dass viele Bilder entstanden. Auf Äußerungen von Schülern ging er direkt ein, indem er Verständnis zeigte, Tipps gab und Mut machte. Peter war sehr „präsent“, er gab wirklich viel Input. So waren die Schüler sichtlich mit der Frage konfrontiert und wurden sehr nachdenklich. In dieser Stimmung und mit der Frage als Aufgabe, gingen sie nach Hause und wir trafen uns am nächsten Morgen wieder.

Es war bereits der letzte Tag, an dem wir arbeiteten, da am nächsten Tag bereits der „Schmutzige Dunschtig“ war, an dem wir mit der ganzen Oberstufe ein Völkerballturnier machten, bevor es in die Fastnachtsferien ging. Peter begann den Unterricht, indem er von einer eigenen Prüfungssituation erzählte, vor der er gerade stehe. Er sei sehr unsicher und am zweifeln, da er schlecht vorbereitet sei und ihm die Zeit fehle, sich noch genügend vorzubereiten. So zeigte er den Schülern, dass sie mit etwaigen Zweifeln und Ängsten nicht allein seien, sondern sogar ihr eigener Lehrer in einer ähnlichen Situation sei. Nun erzählte ein Schüler von seiner seelischen Situation in Bezug auf das RSA Projekt, die sehr von Unsicherheit und Zweifeln geprägt war. Wenn er etwas äußerte, fragte Peter auch die Anderen, wie es bei ihnen an diesem Punkt aussehe. So entwickelte sich eine sehr offene Gesprächsrunde. Die Schüler erzählten auf Peters Frage hin, wie die Situation mit ihren Eltern sei, ob diese ihnen genug helfen würden und ob sie ihnen zu viel Druck machen würden. Es ging um das Verhältnis zwischen Schwere und Leichtigkeit der Verfassung mit der die Schüler in das Projekt starteten. Es ging Peter vor allem darum, den Schülern zu zeigen, dass sie ihre Sorgen, Fragen und Unsicherheiten nicht alleine tragen müssten, sondern dass die Gruppe das Projekt auch auf dieser Ebene gemeinsam absolvieren könnte.

Er führte die Schüler auch gezielt zu ihren Lern- und Arbeitsbeziehungen untereinander. Als die Konzentration nachließ, reagierte er, indem er vom Gespräch zu einer anderen Arbeitsform wechselte, er ließ die Schüler erst ihre menschlichen und dann auch ihre inhaltlichen Wünsche an die jeweils Anderen formulieren und vorlesen. Sie beschrieben beeindruckend klar Eigenschaften der Anderen und es war spannend, wie sie dadurch in Bezug zueinander traten. Als ein Schüler auf eine der Aufgabenstellungen widerwillig reagierte, brachte Peter einen lustigen Spruch, „um ihn abzulenken“ und „aufzulockern“, was sichtlich funktionierte.

 Auf die Frage eines Schülers hin, sagten alle ihre Wunschnote für den RSA, wodurch schnell der Druck zum Thema wurde. Peter fragte die Schüler, wie sie mit Druck umgehen würden. Einzelne offenbarten daraufhin, wie schon vorher, sehr persönliche Zweifel und Ängste, womit Peter dann umging. Er ging lange auf einen Schüler ein, der besonders unter Druck stand. Durch Fragen führte er ihn zu Handlungsansätzen, die ihm sichtlich Orientierung und Mut gaben. So veränderte sich die ganze Stimmung von zweifelnder Bedrückung hin zu mehr Sicherheit und Leichtigkeit. Gegen Ende des Vormittags gab Peter ihnen die Aufgabe, sich auf ihre jeweiligen Stärken zu besinnen und jeweils einen „Energiesatz“ zu formulieren. Einer lautete beispielsweise „ich gehe ehrgeizig und fleißig durch das Tor des Realschulabschluss“. Das war dann sozusagen ein ermutigender Abschluss der „Ausrichtungstage“. Es war unheimlich beeindruckend, auf was für einer tiefen seelischen Ebene die Schüler sich öffneten und was für Bewusstwerdungsprozesse stattfanden. Peters Arbeit ging weit über die reine Wissensvermittlung hinaus, er begleitete vielmehr wesentliche persönliche Entwicklungsprozesse.

Am letzten Tag erlebte ich noch das Völkerballturnier der Oberstufe, bei dem es sehr humorvoll und doch auch konzentriert zuging. Alle waren verkleidet, auch die Lehrer; und diese spielten den ganzen Vormittag über konsequent die lustigen Rollen, in die sie mit ihrer Verkleidung geschlüpft waren.

Mathematik in der 9. Klasse

An zwei Tagen war ich morgens bei der 9. Klasse, die gerade Mathematik Epoche bei Christian hatte. Wie die 12., ist auch diese Klasse sehr klein, sie hat gerade mal 7 Schüler. Im Gegensatz zum Unterricht in der 12 Klasse, habe ich einen inhaltlich sehr geführten Unterricht erlebt.

Nach einem Kopfrechenteil ging es los: Christian hatte eine Problemstellung gegeben, auf deren mathematische Lösung jetzt hingearbeitet wurde. Dabei baute er Gedanke um Gedanke logisch aufeinander auf und versuchte die Schüler mitzunehmen. Er war merklich darauf bedacht, auf jeden einzugehen. So sprach er auch Schüler einzeln an und stellte ihnen entsprechend ihrem Leistungsniveau Fragen. Wenn er Fragen an alle stellte und jemand eine Idee für die Lösung hatte, ließ er ihr oder ihm Zeit und Gelegenheit, den Anderen die Idee zu erklären und sogar selbst auf den Fehler zu kommen, wenn einer vorlag. Er fragte aber nicht endlos die Schüler, sondern gab nach ein paar Antwortversuchen selber die Antwort. Alle Gedankengänge veranschaulichte er mit Zeichnungen an der Tafel und die Schüler zeichneten dann alles ab. Dabei war für ihn Zeit, um mit Einzelnen zu sprechen. Danach wurde das entdeckte Prinzip der Scherung angewendet, indem ein Quadrat zu immer höheren Rechtecken geschert wurde. Das machte Christian an der Tafel und die Schüler machten es auf ihren Blättern, wobei sie sich an Christian orientieren konnten. So arbeiteten alle konzentriert bis zum Ende des knapp zweistündigen Unterrichts. Wenn ein Schüler ein Problem hatte, fragte er Christian um Hilfe, der dann zu ihm kam und ihm half. Was nicht fertig gearbeitet wurde, sollte zuhause gemacht werden.

Das ganze Unterricht hatte ein Tempo, bei dem kein Stress entstand, wenn es für jemanden zu schnell ging, konnte er jederzeit Bescheid sagen. Trotzdem hatte der Unterricht Zug. Christian benutzte die Fachsprache und versuchte nicht, den Stoff irgendwie „mundgerecht zuzubereiten“. Es war ein sehr wissenschaftlicher Unterricht. Im Prinzip führte Christian seine Gedankengänge zur Lösung der Problemstellung, logisch aufeinander aufgebaut und anschaulich, vor und versuchte die Schüler mitzunehmen.

Das Kernfächerlernen

Das Kernfächerlernen ist für die Klassen 9 und 10, es ersetzt den Fachunterricht für die Fächer Mathematik, Deutsch und Englisch. Jeder Schüler hat ein „Lerntagebuch“, in dem für alle drei Fächer Lernbausteine aufgelistet sind, die er sich dann nach und nach vornimmt. Jede Woche wählen die Schüler zwischen den drei Fächern aus und arbeiten jeden Tag 2 Stunden in diesem Fach. Alleine, zu zweit oder auch in kleinen Gruppen kann jeder in seinem Tempo und auf seinem Niveau lernen. Das Kernfächerlernen hat zum Ziel, „dass der einzelne Schüler ein Bewusstsein über das eigene Lernverhalten entwickeln kann, um eigenverantwortliches Lernen und Arbeiten zu erreichen“. Jeden Montag hält der Einzelne seine Vornahmen schriftlich fest und spricht sie mit dem jeweiligen Fachlehrer ab. Diese Wochenziele werden jeden Freitag in einem persönlichen Beratungsgespräch mit dem verantwortlichen Fachlehrer reflektiert. „Dadurch können Lernverhalten, Lernstand und Lernfortschritt festgestellt werden, um die nächste Vornahme zu setzen.“

Als ich beim Kernfächerlernen in Deutsch dabei war, saßen wir zu siebt um einen Tisch herum und die meiste Zeit arbeiteten alle konzentriert. Simone, die Lehrerin, half die meiste Zeit einem Zehntklässler, der noch nicht lange Deutsch sprach, zwei Zehntklässler sowie eine Neuntklässlerin arbeiteten jeweils an Textanalysen und ein Achtklässler (die Achtklässler schnuppern immer ab Weihnachten bis zum Schuljahresende ins Kernfächerlernen rein) bearbeitete ein Arbeitsblatt. Es war eine angenehme Atmosphäre, die nur von Zeit zu Zeit von zwei der Zehntklässler gestört wurde, die sich schlecht konzentrieren konnten und redeten, oder andere Geräusche machten. Simone ermahnte die Schüler dann aber nicht, sondern akzeptierte es. So trieb sie die Schüler nicht an und drängte sie nicht zur Arbeit, wodurch die Schüler wirklich selbst initiativ werden mussten.

Am nächsten Tag war ich wieder im Kernfächerlernen Deutsch, es war Freitag und deshalb standen die Reflexionsgespräche an. Simone besprach einzeln mit den Schülern ihre Wochenleistung. Erst zogen die Schüler selbst ein Fazit, wozu Simone ihnen dann Fragen stellte. Beispielsweise „bist du mit deiner Leistung zufrieden?“ und falls sie das nicht waren, fragte sie „was könntest du verändern?“ und „was könnte ich tun, um dir zu helfen?“ Die beiden Zehntklässler, die sich am Vortag so schlecht konzentrieren konnten, waren beide mit ihrer Leistung unzufrieden. Es war deutlich zu merken, wie sie mit sich rangen und dass sie eigentlich arbeiten wollen. Erst am Ende des jeweiligen Gesprächs beurteilte Simone, wie sie die Wochenleistung des Schülers sehe. Es wurde deutlich, wie stark es beim Kernfächerlernen um die Eigeninitiative der Schüler geht und dass sie nicht gezwungen werden. Mein Eindruck ist, dass es wirklich um den Prozess ging, sich das eigene Lernverhalten bewusst zu machen und daran zu arbeiten.

 

Die Zeit bei Peter und überhaupt in der Freien Schule Elztal hat meine Erwartungen und Hoffnungen weit übertroffen. Ich habe beeindruckende Schüler und Lehrer erlebt, spannende Schulstrukturen und Unterrichtsformen sowie in Peter einen besonders beeindruckenden Lehrer begleitet, von dem ich unheimlich viel mitnehmen konnte. In seinem Unterricht war ich nicht bloß Praktikant und Beobachter, sondern habe zum Teil wie die Schüler mitgemacht. Und auch das hat mir enorm viel gebracht, gerade in Sachen Selbsterkenntnis und Zukunftsvorstellungen. Ich habe mich im Elztal sehr wohlgefühlt und eine intensive, lehrreiche Zeit erlebt. Dafür bin ich allen Menschen, die dazu beigetragen haben und vor allem Peter sehr dankbar und war sicher nicht das letzte Mal in der Freien Schule Elztal.

Wirtschaft – Der Verkehr von Wert

In der Dorfuniversität Dürnau hat uns Rolf Reisiger eine Woche lang in die Grundlagen der Wirtschaft eingeführt. Dies sind unsere Erkenntnisse aus dieser Wirtschaftsschnupperwoche.

von Diemut und Lukas

Wenn man den Wirtschaftsteil einer Zeitung aufschlägt, oder in einem Laden die Produkte betrachtet, wird man kaum reale Wirtschaftsvorgänge beobachten können. Das macht die Wirtschaft zu einem hochkomplexen Thema und führt schnell zu Irrtümern. Um Wirtschaftsvorgänge zu finden, die nicht von politischen, rechtlichen, soziologischen oder sonstigen Einflüssen verzerrt sind, muss man lange suchen. Beim Bauer der seine Kartoffeln anpflanzt und diese auf dem Markt verkauft, kann man vielleicht noch reale Wirtschaft vorfinden, sobald aber beispielsweise Subventionen gewährleistete werden, die er für den Anbau von Kartoffeln kassiert, liegen verzerrte Bedingungen vor. Das meiste, was in unserer heutigen Wirtschaft stattfindet, ist eigentlich völlig herausgelöst aus realen Wirtschaftsvorgängen, man könnte auch sagen, dass es auf dem Mars stattfindet. Wenn Firmen ganz andere rechtliche Bedingungen haben als Einzelpersonen, wenn sie steuerlich begünstigt sind und beispielsweise 90% der EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz) -steuer erstattet bekommen, ist das weit entfernt von realer Wirtschaft.

Die Grundbegriffe der Wirtschaft: Natur, Arbeit und Kapital

Der erste wirtschaftliche Wert entsteht durch die Anwendung von Arbeit auf die Natur. Die Natur ist das Gegebene aus dem man schöpfen kann und die Arbeit ist die Tätigkeit des Menschen. Im wirtschaftlichen Sinne ist Arbeit aber erst dann Arbeit, wenn sie für andere verfügbar ist. Wenn ich mir selbst in der Nase bohre, ist es also noch keine Arbeit, wenn ich jemand anders in der Nase bohre, dagegen schon.

Solche Wertschöpfung geschieht beispielsweise, wenn ich Äpfel pflücke und diese dann für andere verfügbar werden (zum Beispiel indem ich sie verkaufe). Wenn ich die Äpfel pflücke und sie dann selber, bzw. mit meiner Familie esse, ist das kein wirtschaftlicher Vorgang. Natürlich könnte man jetzt sagen, dass ich die Äpfel ja meiner Familie verfügbar mache, aber im Normalfall gehören die Äpfel genauso mir, wie den Menschen mit denen ich zusammen lebe und stehen so der Gesellschaft nicht zur Verfügung.

Ein zweiter wirtschaftlicher Wert, das Kapital, entsteht durch das Anwenden von geistigen Fähigkeiten auf das Naturprodukt. Das Kapital entsteht wie die Arbeit, die ich auf die Natur anwende um ein Naturprodukt zu bekommen, durch eine Tätigkeit und Möglichkeiten des Menschen. Allerdings im Gegensatz zu ersterer, die zum Großteil körperlicher Art ist, hauptsächlich durch eine geistige. Die geistige Arbeit an sich würde noch nicht das Kapital darstellen, sondern erst deren Anwendung auf ein Naturprodukt. Meine Ideen und Möglichkeiten, die ich für das Naturprodukt habe und anwende, sind mein Kapital. In diesem Sinne ist auch Joseph Beuys´ Formel „Kunst = Kapital“ zu verstehen.

Beim Apfelbeispiel entstünde das Kapital dadurch, dass ich geistige Arbeit auf die Äpfel anwende, beispielsweise indem ich entscheide, was ich mit ihnen mache bzw. wie ich sie anderen verfügbar mache. Mache ich Apfelmus, Apfelsaft oder gebe ich sie so weiter? Verkaufe ich sie auf dem einen Markt oder auf dem anderen?

Oder kurz und knapp:

Natur + Arbeit = Wert 1 (Naturprodukt)

Naturprodukt + geistige Arbeit = Wert 2 (Kapital)

Neben diesen beiden Formeln gibt es noch einen 3. Hauptfaktor, der wirtschaftlichen Wert schafft, nach Rudolf Steiner die „Wertebildende Spannung“. Diese bezeichnet das Phänomen, dass Produkte aufgrund unterschiedlichster (beispielsweise psychologischer oder politischer) Faktoren, an Wert gewinnen oder verlieren. Wenn zum Beispiel ein bestimmtes Auto in der Werbung ganz toll dargestellt wird, von einem Prominenten benutzt wird, oder vom ADAC als „Auto des Jahres“ gewählt wird, kann das den Wert des Autos schlagartig erhöhen, weil auf einmal jeder das Auto fahren will. Das ist auch bei seltenen oder singulären Produkten der Fall. Der Wert eines Ersatzteils für einen VW-Käfer kann enorm ansteigen, wenn es nicht mehr produziert, und dadurch immer seltener wird. Bei einem Vincent van Gogh-Gemälde kann der Wert aufgrund seiner Singularität ebenfalls enorm ansteigen, wenn es entsprechend „wertgeschätzt“ wird, das heißt wenn die Nachfrage sehr hoch ist.

Wert und Preis

Der Wert eines Produktes entsteht durch die Mühe, die darauf verwendet worden ist. Wenn ich auf den Baum klettere um einen Apfel zu pflücken, hat dieser einen höheren Wert, als der Apfel, den ich vom Boden auflese, weil es mich mehr Mühe kostet, ihn zu ernten. Dieser Wert ist aber nicht bezifferbar und deswegen gibt es den Preis. Ein Beispiel dafür, dass der Wert eines Produktes nicht bezifferbar ist, ist ein verfaulter Apfel, der für den einen nichts wert ist, für den anderen aber vielleicht sehr viel, weil er verfaulte Äpfel sammelt. Wirtschaftsgüter haben also einen Preis, der mit dem wirklichen Wert nicht viel zu tun haben muss, aber eine Bezifferung dessen ist.Der Preis ist also dazu da, Wirtschaftsgüter vergleichbar und somit handelbar zu machen. Nur wie kommt der Preis zustande? Schnell denkt man da an die geflügelten Worte „Angebot und Nachfrage“. Das ist im Prinzip auch richtig, allerdings denkt man oft nur an Angebot und Nachfrage von Produkten. Wenn also wenige Häuser zum Verkauf stehen, aber viele Menschen ein Haus suchen, müssten konsequenterweise die Häuserpreise ansteigen. Aber was ist im Falle einer Inflation oder Deflation? Im Falle einer Inflation, wenn also die Kaufkraft des Geldes immer geringer wird, würden die Hausbesitzer die Häuser mit Sicherheit nicht gerne verkaufen, da sie damit rechen, dass das Geld, dass sie bekommen würden, immer mehr an Wert verliert. Die Häuserpreise würden durch die Inflation also mit Sicherheit viel stärker ansteigen, als durch Angebot und Nachfrage von Häusern an sich, da die Nachfrage nach Geld abnimmt. Umgekehrt steigt bei einer Deflation die Nachfrage nach Geld, weil jeder davon ausgeht, dass die Kaufkraft des Geldes weiter zunimmt. Das bedeutet, dass Angebot und Nachfrage von Geld dem Angebot und der Nachfrage von Produkten entsprechen müssen.

Preise können außerdem durch Faktoren, die nicht-wirtschaftlicher Natur sind, krass unterschiedlich zustande kommen. Wenn sich zum Beispiel ein Schreiner ein Kreissäge auf Kredit kaufen muss, während ein anderer eine von seinem Vater erbt, muss dieser den Kaufpreis der Kreissäge (plus Zinsen) wieder erwirtschaften, der andere aber nicht. Es kann also sehr gut sein, dass der eine Schreiner für einen Sägeschnitt mehr verlangt, als der andere. So wirken nicht-wirtschaftliche Faktoren in die Wirtschaft und umgekehrt wirken wirtschaftliche Faktoren ins Private. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn der Schreiner, der die Kreissäge geerbt hat, trotzdem den gleichen Preis für einen Sägeschnitt verlangt, wie der, der sie auf Kredit kaufen musste. Für dieses Geld kann er dann zum Beispiel teurere Lebensmittel kaufen, seiner Frau einen Wochenendurlaub schenken, oder seine Kinder auf die Waldorfschule schicken.

Der Preis kommt also, neben nicht-wirtschaftlichen Faktoren, vor allem durch die Kreuzrelation von Angebot und Nachfrage, sowohl von Produkten als auch von Geld, zustande.

Was beinhaltet der Preis?

Was muss zum Beispiel ein Schuhmacher für die Schuhe, die er verkauft, mindestens bekommen? Zunächst einmal muss er in der Lage sein, vom Erwirtschafteten sein Leben (und möglicherweise das seiner Familie) erhalten zu können. Er muss also in der Lage sein, für Wohnen, Essen, Kleidung etc. aufzukommen. Dazu muss er neues Leder, Werkzeug, Rechnungszettel und sonstiges Material beschaffen können, um weiterhin in der Lage zu sein, Schuhe herzustellen. Und als drittes braucht er einen Gewinn. Wenn er diesen nicht bekäme, würde er bankrott gehen, sobald er mal die Treppe herunterfiele und ein paar Tage lang keine Schuhe herstellen könnte. Er könnte auch keine neuen Schuhmacher ausbilden, Fortbildungen besuchen, oder sich Gedanken zur Qualitätsentwicklung seiner Schuhe machen, weil er ja die ganze Zeit Schuhe machen müsste, um nicht bankrott zu gehen. Der Gewinn ist sein Kapital, das heißt er kann frei (geistig!) entscheiden, ob er damit einen Lehrling ausbildet, einen Kurs zur Herstellung von Hausschuhen besucht, oder etwas anderes für Entwicklung seines Geschäftes tut. Der Preis muss also mindestens die Lebenserhaltungskosten, die Beschaffungskosten und einen Gewinn beinhalten. Man kann beobachten, dass der, der am besten die konkreten Wünsche seiner Kunden erfüllt, meistens den größten Gewinn machen kann.

Drei verschiedene Einkommensarten

Gewinn (kommt durch Gewerbe und Handel zustande)

Der Gewinn ist das, was bei einem Handel – wenn also fertige Waren gehandelt werden – nach Abzug der Kosten von den Einnahmen, übrig bleibt. Wenn beispielsweise der Gärtner den Betrag A für die Züchtung und den Verkauf seiner Pflanzen, sowie für seine Lebenserhaltungskostenausgegeben hat und beim Verkauf den Betrag ABC einnimmt, beträgt sein Gewinn BC.

Lohn (kommt bei arbeitsteiliger Arbeit zustande)

Wenn durch Arbeitsteilung mehrere Menschen an einem Produkt arbeiten und dadurch Menschen in einem Anstellungsverhältnis stehen, kommt es dazu, dass Lohn bezahlt wird. Wenn z.B. in einer Schuhfabrik Einer Sohlen macht, ein Zweiter Leder zurecht schneidet und ein Dritter den Schuh zusammensetzt, ist das Arbeitsteilung. Jeder der Arbeiter kauft dem Chef im Prinzip das Material ab, wendet Arbeit darauf an und verkauft es dem Chef dann wieder. Nur wird es kein sichtbarer Handel, weil die Materialien keine fertigen Waren sind und „Handel“ sich über fertige Waren definiert.

Rente (kommt durch Rechtsverhältnisse zustande)

Alle Einnahmen aus Vertragsverhältnissen, welche keinem direkten Arbeitsaufwand mehr haben, sind Rente. Der Aktionär, der am Jahresende eine Dividende („Anteil“) bekommt, erhält Rente, ebenso der Musiker, der die Rechte an seinem Top-Hit hält und bei jedem Verkauf prozentual mitverdient, oder auch der geniale Physiker, der sich sein Perpetuum Mobile patentieren lässt.

Geld

Geld hat keinen eigenen Wert. Eine Münze oder ein Geldschein an sich, haben zwar schon einen Wert und zwar einen der der Mühe entspricht, die ihre Herstellung gekostet hat. Die Herstellung eines 100 Euro-Scheins hat aber z.B. nicht hundertmal mehr Mühe gekostet, als die eines 10 Euro-Scheins. Was beim Geld eine Rolle spielt, ist nicht ein eigener Wert, sondern der Wert, den das Geld repräsentiert. Dafür, dass das Geld einen Wert repräsentiert, sorgt die Politik (in Deutschland die Bundesbank und die Europäische Zentralbank), die Macht über das Geld hat und so auch für die Neuschöpfung verantwortlich ist. Das Geld hat damit also einzig und allein die Funktion der Buchhaltung, das heißt der Verrechnung von Wirtschaftswerten. Ein Mangel des Geldes ist, dass der Wert, den es repräsentiert, nicht natürlich abnimmt. Waren verlieren aber natürlich an Wert (Verfall, Verbrauch, Verschleiß etc.) und diesen Wert repräsentiert das Geld ja. Um trotzdem das Verhältnis von Wirtschaftsgütern zu Geld auszugleichen, wollen Ökonomen, dass nur soviel Geld neu geschöpft wird, wie Wirtschaftsgüter entstanden sind, was heute aber nicht geschieht.

Drei verschiedene Geldarten

Kaufgeld

Man gibt Geld gegen Ware bzw. handelt es sich um einen Wechsel von Ware, Gütern, Leistungen, etc. Dabei geht es vor allem um den Konsum, also den Verbrauch der Waren. Wenn ich vom Friseur die Haare geschnitten bekomme und ihm seine Leistung bezahle (mit Geld oder Kartoffeln), ist das Kaufgeld

Leihgeld

Leihgeld tritt überwiegend bei Investitionen auf. Man gibt Leihgeld in der Erwartung, dass man es zurückbekommt. Beispielsweise leihe ich meinem Nachbarn einen Stier und eine Kuh, in der Erwartung sie nach einem Jahr wieder zurück zu kriegen. Umgekehrt bekommt mein Nachbar die Tiere in der Erwartung, nach dem Jahr ein Kälbchen als Gewinn behalten zu können. Die beiden Tiere sind in diesem Beispiel Leihgeld. Wenn mein Nachbar sie aber schlachtet und isst, also konsumiert, und nicht zurückgeben kann, waren sie doch Schenkgeld.

Schenkgeld

Man gibt Schenkgeld, wenn man keinen wirtschaftlichen Zweck im Auge hat, sondern einen ideellen, geistigen. Schenkgeld ist nicht wie das Kaufgeld an eine bestimmte Gegenleistung geknüpft. Wenn ich Kap Anamur 1000 Euro spende, einfach weil ich toll finde, was sie machen, ist das Schenkgeld. Wenn ich diese Spende aber mache, weil ich hoffe, dass Kap Anamur meinen Bruder, der in Afghanistan festsitzt, bei ihrem Afghanistan-Einsatz so besser retten kann, dann ist das schon fast Kaufgeld, weil ich eine bestimmte Gegenleistung erwarte bzw. erhoffe und ihren potenziellen Einsatz für meinen Bruder „bezahle“.

Zinsen (englisch: „interest rate“)

Zinsen sind eine Entschädigung dafür, dass man in der Zeit, in der man das Geld verliehen hat, nichts damit machen kann. Wenn ich meinem Nachbarn also für ein Jahr die Kuh und den Stier leihe, kann ich z.B. keine anderen Kühe von dem Stier begatten lassen, kann, falls das Essen knapp wird, nicht die Kuh schlachten und ich kann den Kindern, die zu Besuch kommen, die beiden nicht zeigen. Die Zinsen sind außerdem eine Risikoprämie. Für den Gläubiger besteht das Risiko, dass der Schuldner seine Schuld, hier den Stier und die Kuh, eventuell nicht begleichen kann. Je höher dieses Risiko ist, desto mehr Zinsen hat der Schuldner in der Regel zu bezahlen. Griechenland zahlt beispielsweise deutlich mehr Zinsen auf seine Staatsanleihen als Deutschland, weil das Ausfallrisiko bei Griechenland höher geschätzt wird. Traditionellerweise wurden Kredite aufgenommen, um eine Produktionssteigerung zu erreichen. Deshalb wuchs durch die Kreditvergabe im Idealfall die Wertemenge. Beispielsweise kaufte sich der Schuhmacher auf Kredit eine Maschine, mit der er doppelt so viele Schuhe herstellen konnte wie vorher. So erhöhte er die Wertemenge. Damit die Geldmenge in einem Verhältnis zur Wertemenge bleibt, müsste im Idealfall dann die Geldmenge vergrößert werden.

Heute hat der Staat die Macht über die Geldschöpfung, beispielsweise ist in Europa ist die EZB und in Deutschland die Bundesbank für die Geldmengenpolitik verantwortlich. Private Banken schaffen aber ebenfalls Geld, indem sie Kredite vergeben.

Heute werden im Gegensatz zu früher viele Kredite für den Konsum verwendet. Diese tragen aber nicht unbedingt (wenn doch, dann indirekt und schwer bestimmbar) zu einer Produktionssteigerung bei. Wenn ein Fernseher auf Kredit angeschafft wird, der dann “konsumiert”, sprich Wert wird verbraucht, anstatt das neuer Wert geschaffen wird.

Steuern

Die Bürger zahlen dem Staat Steuern, womit dieser dann damit für alle wirtschaftet (Straßen bauen, Gesundheitsversorgung etc.). Allerdings war das nicht immer so, zur Zeit des Ursprungs der Steuern, im Feudalismus, verwendete der Herrscher die Steuern für sich und nicht für alle. Im Gegensatz zu Abgaben oder Gebühren, die an einen bestimmten Zweck gebunden sind, kann der Staat bei den Steuern frei entscheiden, was er mit ihnen anfängt. Somit sind Steuern Zwangsschenkungen.

Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Steuern, die der Staat erhebt. Beispielsweise die Einkommenssteuer, die Erbschaftssteuer, die Mehrwertsteuer, Steuern auf spezielle Waren wie die Tabaksteuer etc. Wenn der Staat beispielsweise will, dass weniger Auto gefahren wird und deshalb die Mineralölsteuer erhöht, greift er ordnungspolitisch in die Wirtschaft ein. In diesem Fall wird der Wert des Benzins im Benzinpreis kleiner, da der Anteil der Steuer größer wird. So kann es sein, dass es auf einmal günstiger ist, ein Elektroauto zu fahren. Ohne die Steuer wäre es das aber vielleicht gar nicht so und so schafft sie einen künstlichen Wertunterschied. Durch dieses Eingreifen des Staats in die Wirtschaft werden sämtliche Wirtschaftswerte nicht mehr beurteilbar. Die einzige Art von Steuer, die nicht innerhalb der Wertschöpfungskette die Wirtschaftswerte beeinflusst, ist die Mehrwertsteuer. Sie ist die einzige Steuer, die klar einsehbar am Ende jeder Wertschöpfungskette liegt, und doch jeden Handel erreicht. Sei es die Milch aus dem Supermarkt, die gekauft wird, oder die Villa von Bill Gates.

Arbeitsteilung (die Spezialisierung und Aufteilung von Arbeit)

Früher, in der sogenannten Stammeswirtschaft, hat jeder seinen eigenen Bogen gebaut und es sind auch alle zum Jagen gegangen. So hat jeder eine Vielzahl an verschiedenen Tätigkeiten ausgeübt, aber kaum die Möglichkeit gehabt, ein bestimmtes Talent auszubilden. Wenn einer sich aufs Bögen-Herstellen spezialisiert hätte, hätte er sehr viel Zeit in diese Tätigkeit gesteckt, viel Übung bekommen und Erfahrung gesammelt. Er wäre dadurch abhängig von den Jägern, die ihn ja mitversorgen und umgekehrt wären sie auch abhängig von ihm, da sie ja seine Bögen für die Jagd brauchen.

Heute haben wir eine stark von Arbeitsteilung bestimmte Wirtschaft. Einer ist Schuster, einer Bäcker, einer Arzt etc. So kann sich jeder auf sein Gebiet spezialisieren, seine Tätigkeiten üben und viel Erfahrung sammeln (das ist die klassische Form von Arbeitsteilung, es gibt aber noch andere Formen, z.B. die zeitliche: Erst schält man alle Karotten, dann schneidet man alle, anstatt jede einzeln zu schälen und zu schneiden).

Anstatt dass drei ein bisschen Schuhe machen können, ein bisschen backen und ein bisschen Arzt sind, kann jeder eines richtig gut. So erhöht das Prinzip der Arbeitsteilung die Produktivität, indem durch Spezialisierung stärker Talente ausgebildet werden können. Das heißt allerdings nicht, dass Arbeitsteilung immer die Produktivität steigern muss. Wenn ich beispielsweise erst alle Bücherkartons die Treppe hoch trage und dann alle einräume, kann es durchaus sein, dass das, aufgrund der Monotonie der Arbeitsschritte, weniger produktiv ist, wie wenn ich je eine Kiste hoch trage und die Bücher einräume.

Ein weiterer positiver Effekt der Arbeitsteilung ist, dass die „Totzeiten“, also die Zeiten der Wechsel zwischen verschiedenen Arbeitsschritten, wegfallen. Zum Beispiel kann der Bäcker den ganzen Tag backen und muss nicht am Nachmittag noch Schuhe machen. Dafür müsste er den Arbeitsplatz wechseln, sich umziehen, Hände waschen etc.

Ein gutes Beispiel für die Effektivität von Arbeitsteilung ist der kranke Schuhmacher, der vom Arzt wieder gesund gemacht wird und so anstatt vier Wochen nur eine Woche nicht arbeiten kann. Im Prinzip hat der Arzt so, mit einem Zeitaufwand von ca. einer Stunde, drei Wochen lang Schuhe produziert.

Es gibt allerdings auch unteilbare Arbeit, beispielsweise in der Landwirtschaft, wo es keinen Sinn macht, die Haltung der Kühe und den Ackerbau zu trennen. Die Kühe brauchen das Heu vom Feld und das Feld braucht den Mist von den Kühen. Man kann nicht erst schlachten und dann melken, wie in einer Schuhfabrik verschiedene Teile gleichzeitig oder in beliebiger Reihenfolge produziert werden können. Die Kuh muss erst Futter bekommen und gemolken werden und ist erst nach einer gewissen Zeit geeignet zum Schlachten.

Ein anderes Beispiel ist geistige Arbeit: Um den Dachstuhl eines Hauses zu planen, muss man den Grundriss kennen, und auf diesem aufbauen. Wie man in diesem Bereich doch Arbeitsteilung vornimmt, kann man gerade wunderbar am Bau des Berliner Flughafen beobachten.

Ein weiterer Effekt der Arbeitsteilung wurde von Goethe so beschrieben: „Um ein Haus zu bauen, braucht man nur einen Kopf und 1000 Hände!“ Will heißen: In einer arbeitsteiligen Wirtschaft gibt es auch Posten, für die man nicht viel Können und Wissen muss. Es kann schon ein Beruf sein, den ganzen Tag Kaffee auszuschenken. Das kann man in einer Woche fast bis zur Perfektion beherrschen und es dann Jahre lang machen. Einerseits ist das gut, weil so jeder irgendwo einen Platz finden kann. Auf der anderen Seite fördert es aber nicht gerade die Bildungsbemühungen, da Bildung für die Arbeitswelt keine große Voraussetzung ist, es reicht, wenn viele dazu in der Lage sind Kaffee auszuschenken, Türen aufzuhalten oder ein paar Knöpfe zu drücken.

Bunte Erfahrungen aus der Demokratischen Schule X (Berlin)

Mit gerade einmal einer Woche Abstand, habe ich im Dezember 2013 nach der Freien Aktiven Schule Frankfurt , die nächste alternative Schule besucht. Die Demokratische Schule X orientiert sich vor allem am Modell der Sudbury-Schulen und ist damit eine von drei solcher Schulen in Deutschland. Vor drei Jahren wurde sie erst gegründet und ist noch relativ klein. Auf 24 Schüler kommen 8 Lernbegleiter, die sich vier Stellen teilen. Das Schulmodell basiert auf zwei Säulen:
Die eine ist die individuelle Lernfreiheit des einzelnen, was bedeutet, dass die Schüler freiwillig entscheiden, was sie machen wollen. Die andere ist das Demokratieprinzip. Zwei mal die Woche gibt es eine Schulversammlung, in der alle Entscheidungen, die  alle betreffen (z.B. Regeln vereinbaren) demokratisch getroffen werden. Jeder hat dabei eine Stimme, egal ob Erwachsener oder Schüler. Die Schüler haben pro Woche eine Anwesenheitspflicht von 25 Stunden, die sie sich selbst einteilen können. Die DSX ist in zwei Stockwerken eines großen Hauses, wobei die recht überschaubaren Räume von der Atmosphäre her eher an Wohn-, als an Schulräume erinnern. Neben einem großen Gemeinschaftsraum gibt es einen Musikraum, einen Werkstatt- und Bastelraum, einen Toberaum, eine Bibliothek, eine Küche und einen Naturwissenschaftsraum.

Da es die Schule erst seit drei Jahren gibt, waren fast alle Schüler vorher auf anderen Schulen, was bei einigen eine krasse Umstellung bedeutet hat oder bedeutet. Manche haben schlechte Erfahrungen in Regelschulen gemacht und dadurch eine teilweise blockierende, ablehnende Haltung erlangt, die sie erst einmal überwinden müssen. So habe ich es zumindest erlebt.
Das lag zum Teil auch bestimmt am Alter, weil es  vor allem die 13 und 14 jährigen waren, aber viele waren eben etwas trotzig und ablehnend gegenüber dem meisten, was unterichtsmässig war. Sie haben die Unterichtsangebote zwar irgendwie doch besucht, aber ich hatte das Gefühl, dass das für sie eher „uncool“ war. Da kam dann manchmal ein Handy aus der Tasche, oder die Brotbox.
Es gibt einen Wochenplan, der relativ voll ist, mit Terminen und Angeboten:
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Montag                  Dienstag                   Mittwoch                      Donnerstag                Freitag

Die klassischen Unterrichtsangebote hatten relativen Schulcharakter. Da die älteren Schüler den MSA (Mittelstufenabschluss in Berlin) anstreben, haben die Lehrer meist Inhalte des Lehrplans gewählt und an diesem Punkt geht das Lernen streng genommen nicht vom Interesse des Einzelnen aus. Zwar waren es nur sehr kleine Gruppen, so dass die Erwachsenen sehr individuell auf die Schüler eingehen konnten, doch es ging eben um vorgegebene Lerninhalte. Mein Erleben der Haltung der Schüler war weniger von Begeisterung, als vielmehr von „eigentlich will ich das ja schon“ geprägt. Ich hatte den Eindruck, dass die Schüler auf jeden Fall an den Angeboten teilnehmen wollten, allerdings nicht aus Spass an der Sache, sondern eher, um eben den Abschluss zu schaffen.

Neben den Angeboten verbrachten die Schülerinnen und Schüler ihre Zeit vor allem mit Gesellschaftsspielen, musizieren, unterhalten, toben, einkaufen gehen, Sport machen und mit ihren Handys und PCs. Der Medienkonsum hatte dabei nicht gerade ein geringes Ausmass. Ständig wurden Videos geschaut, wurde gechattet, wurden Spiele gespielt. Oft sassen mehrere Schüler gleichzeitig vor einem Handy oder Computer und manche verbrachten wirklich Stunden damit. Ich hatte das Gefühl, dass sie der Verlockung nicht wiederstehen konnten und von ihren Geräten wie gebannt waren. Wenn sie dann mal zu etwas wie einem Spiel begeistert wurden, schienen sie deutlich mehr Freude zu haben!
Was wirklich toll zu beobachten war, war wie Schülerinnen und Schüler auch altersübergreifend miteinander kommunizierten und spielten!
Nachmittags sind wir ein paar Male nach draussen gegangen um Baseball oder Fussball zu spielen. Ein paar Schülerinnen und Schüler waren viel mit Musik machen beschäftigt, im Kunstraum war auch meistens jemand am Basteln und Werkeln und vor allem der Toberaum wurde fleissig genutzt. Hier wurde täglich geturnt, getobt, mit Kissen gekämpft und gespielt. Ein paar Male kam eine Mutter, die mit Schülern bastelte und Plätzchen backte.

Das Demokratieprinzip
Wenn Beschwerden vorhanden sind, findet jeden Tag eine Rechtsversammlung statt. Dabei ist ein Erwachsener anwesend, der die Versammlung leitet und alles am Laptop protokolliert. Außerdem sind noch ca. drei der älteren Schüler, die von der Schulversammlung als Richter gewählt wurden und die von den Beschwerden Betroffenen anwesend. Die Idee dahinter ist, das wenn jemand eine Regel verletzt, ein anderer, der das gesehen hat, einen Beschwerdezettel schreibt und dass diese Beschwerde dann am nächsten Tag behandelt wird. Entschieden, ob die oder derjenige eine Regel verletzt hat und was das für eine Konsequenz hat, wird per Abstimmung. Und dabei sind alle gleichberechtigt, Erwachsene wie Schüler. Die Rechtsversammlungen, die ich erlebt habe, waren sehr zäh. Oft haben Schüler jede Schuld von sich gewiesen, und so wiedersprüchliche Aussagen gemacht. Das hat meistens dazu geführt, dass sich die Schüler gegenseitig noch weniger verstanden, und die Fronten sich verhärtet haben. Die anderen anwesenden Schüler waren oft genervt und haben sich lieber mit etwas anderem beschäftigt, als mit der Verhandlung.
Eine Beschwerde wird so behandelt, dass erst alle an der Situation beteiligten ihre Sicht auf das Geschehene darlegen und dann die Richter abstimmen, ob damit eine Regel gebrochen wurde oder nicht. Wenn Ja, macht jemand einen Vorschlag für eine Konsequenz, über den dann wieder abgestimmt wird. Das kann zum Beispiel sein, dass der Schuldige eine Erweiterung des Regelbuchs ausformulieren muss, dass er einmal bei etwas nicht mitspielen darf, oder einfach, dass er verwarnt wird. Dieses Prinzip hat zur Folge, dass hunderte Regeln und Bestimmungen für jede Kleinigkeit entstehen. Das Regelbuch ist nicht gerade dünn.

Ich habe mich oft gefragt, ob ein von einem Erwachsenen unterstützter Dialog in vielen Situationen nicht fruchtbarer wäre als eine zähe Verhandlung. Vielleicht liegt das auch daran, dass es um die Frage geht, ob eine bestimmte Person schuldig ist oder nicht. Es geht also weniger um Einigung und Ausprache, als vielmehr um die Bewertung durch Dritte.
Wenn es zu laut wurde, griff der Erwachsene ein und ermahnte die Kinder. In solch einer Situation oder auch immer wieder im Schulalltag, sind die Erwachsenen den Schülern nicht auch Augenhöhe begegnet, sondern auf der Erwachsenen- Kind- Ebene.
Andererseits wurden viele Verhaltensweisen von Schülern auch durchgehen gelassen. Beispielsweise Beleidigungen, nicht-Aufräumen oder unrespektvolles Schreien. Manchmal hatte ich da den Eindruck, das Erwachsene da nicht eingegriffen haben, um sich nicht auf die Erwachsenen-Kind-Ebene zu begeben und zu erziehen. Gleichzeitig ist es unmöglich, wegen jeder Sache eine Beschwerde zu schreiben, weil man sonst den ganzen Tag damit beschäftigt ist. Das habe ich als Spannungsfeld erlebt.

Nach nur einer Woche fällt es mir schwer, tiefergehend zu beurteilen was ich erlebt habe, da die Zeit so kurz war. Gefestigt hat sich aber auf jeden Fall die Erkenntnis, dass es bei der Schule vor allem darauf ankommt, was die Erwachsenen tun bzw. was sie für Menschen sind. Der Rahmen und die Struktur einer Schule beeinflussen natürlich auch, was stattfindet. Massgeblich für eine „gute Schule“ ist glaube ich aber, was für Menschen da sind, was zwischen ihnen passiert und dass die Erwachsenen Vorbilder sind.
Aber wieviel führen sie? Wieviel Führung braucht und möchte der einzelne Schüler? Und vor allem, wohin führen sie? Den Versuch, auf jegliche Führung zu verzichten, halte ich für einseitig und habe bis jetzt auch nicht erlebt, dass das möglich ist. Auch glaube ich, dass die Frage der Führung sich bei jeden Kind einzeln stellt und nicht für alle pauschal zu beantworten ist. Die Schulstruktur sollte diese Frage also nicht pauschal für alle beantworten, weder in Richtung von absoluter Führung, noch in Richtung von keiner Führung. Und mit Führung meine ich nicht Zwang! Mit Führung meine ich etwas leitendes, lehrendes, das anregend und ermutigend ist. Anregend und ermutigend zur eigenen Aktivität und damit zur individuellen Entwicklung. Ich glaube, die Frage nach der Führung ist vielleicht die zentralste Frage der Pädagogik.

Eine besondere Schule – weit weg von „Normal“

von Lukas

Vom 18. bis zum 22. November 2013 habe ich in der Freien Aktiven Schule Frankfurt hospitiert. Mit diesem Bericht möchte ich versuchen, ein paar meiner Eindrücke und Erfahrungen, die ich in dieser Schulwoche gesammelt habe, festzuhalten! Das sind Eindrücke von gerade einmal 5 Schultagen. Es kann also durchaus sein, dass ich ein von der Wirklichkeit abweichendes Bild gewonnen habe, manches gar nicht erlebt habe, was wesentlich ist und vor allem vieles noch nicht verstanden habe.

 Als ich Montagmorgen das erste Mal in die Schule fuhr, hatte ich eine Menge Vorstellungen und Erwartungen im Gepäck, vor allem eine gute Portion Skepsis: Leben die Schüler glücklich in ihrer heilen Welt und kommen später im „realen“ Leben vielleicht gar nicht gut zurecht? Wie gehen sie dann wohl mit den unangenehmen Seiten des Lebens um, wenn sie immer nur gemacht haben, wozu sie Lust hatten? Inwieweit fühlen sie sich denn als Teil der Gesellschaft und dadurch auch in der Verantwortung, diese zum Guten hin verändern zu wollen? Wenn sie in der Schule lernen, dass jeder für sich und sein Handeln verantwortlich ist, wie viel Verständnis haben sie dann für Menschen, die sich nicht von dem gesellschaftlichen Druck befreien können, den sie selbst ja nie stark zu spüren bekommen haben? Ist es dann nicht einfach, zu sagen: „selbst dran Schuld?“ Und sind die Schüler nicht alle aus sehr alternativen Familien und damit „unter sich“? Bleiben sie das nach der Schule ebenfalls und stellen dadurch vielleicht eine paradiesische Parallelgesellschaft dar?

 Die FAS hat ca. 70 Schülerinnen und Schüler zwischen 7 und 17 Jahren. Außerdem gehört noch ein Kindergarten mit 25 Kindern dazu, der Übergang ist fließend. Die Schüler sind altersmäßig in Primar und Sekunda unterteilt, die Grenze liegt bei ungefähr 12 Jahren.

Es gibt einen großen Hauptraum, der in verschiedene Bereiche unterteilt ist: Es gibt eine gemütliche Leseecke mit vielen Büchern für jedes Alter, eine Näheecke, einen Kreativbereich (Plastizieren, Malen, Basteln etc.), einen Aufenthaltsbereich, in dem alles mögliche gespielt wird und einen Bereich zum Bauen mit „Kapla-Klötzchen“ (dünne, längliche Holzklötze). Der Hauptraum erinnert an ein großes Wohnzimmer und bietet sehr viel Geborgenheit. Außerdem gibt es einen Toberaum, einen „Ruhigen Raum“ zum Arbeiten und zwei Räume, die nur für die Sekunda bestimmt sind. Das sind ein Aufenthalts- und ein Arbeitsraum. Es gibt eine Küche, in der sich jederzeit, jeder der Lust hat, etwas Kochen oder Backen kann. Draußen gibt es noch eine Werkbank, viele Möglichkeiten zum Toben und Spielen, ein paar Beete und den benachbarten Fußballplatz zum Sport machen.

Die Schule geht von 8:30 Uhr bis 13:00 Uhr und mittwochs für die Sekunda bis 17:00 Uhr. In dieser Zeit gibt es keine verpflichtenden Unterrichte, stattdessen beruht alles „Unterrichtsähnliche“, was stattfindet, auf freiwilligen Vereinbarungen und setzt damit Interesse voraus. Es gibt eine Pinnwand, an der sowohl Schüler, als auch Erwachsene („Lernbegleiter“) Vorschläge für Aktivitäten machen. Das sind z.B. Vorschläge für Ausflüge ins Theater oder in einen Kletterpark, Bastelangebote, oder auch Vorschläge für „Lerngruppen“. Im Moment treffen sich, mehr oder weniger regelmäßig, eine Theatergruppe, eine Foto AG, eine Lateingruppe, eine Fahrradwerkstattgruppe und eine Lesegruppe. Außerdem gibt es von „Lehrern“ angebotene Physik- Mathe- oder Englischzeiten. Die Schüler können aber auch sonst jederzeit Lehrer um Hilfe bitten, wenn sie sich mit etwas beschäftigen. Wenn ein Schüler in die Sekunda kommt, bekommt er einen Tutor, der dann sein persönlicher Ansprechpartner ist und seine Entwicklung begleitet. Generell verhalten sich die Erwachsenen aber vor allem beobachtend und beratend, also recht passiv. Schon mehrmals habe ich Leute sagen hören, dass die FAS, eine der radikalsten Alternativschule sei.

 Am Anfang beobachtete ich zuerst einmal, was die Schüler so machten. Überall spielten Kinder mit viel Spaß und Bewegung. Drei Mädchen spielten fast einen ganzen Tag lang „Schule“. Eine war die Lehrerin und gab strenge Anweisungen, während die beiden anderen freche Schülerinnen spielten. Andere bauten mit Dominosteinen oder Kaplaklötzen, lasen, bastelten, bewarfen sich mit Kissen, spielten Brettspiele, kochten, unterhielten sich einfach oder machten vereinzelt auch Musik. Alle waren sehr lebendig und fröhlich, so dass dauerhaft ein gewisser Lärmpegel herrschte. Es war eine sehr angenehme, lockere Atmosphäre ohne jeden Druck oder Stress. Ich habe die Schüler untereinander als sehr kommunikativ und lustig erlebt. Was sie machten, machten sie mit einer großen Selbstverständlichkeit und viel Selbstvertrauen. Wenn einer keine Lust auf etwas hatte, machte er eben etwas anderes als die anderen und das war auch kein Problem für irgendjemanden. Für Äußere Unterschiede, besondere Verhaltensweisen und seltsame verbale Äußerungen habe ich eine große Offenheit erlebt.

Ich habe es nicht oft erlebt, dass sich Schüler mit „normalen Schulthemen“ wie Mathematik oder Englisch beschäftigten. Stattdessen stand vor allem das soziale Miteinander im Vordergrund. Die Gemeinschaft und den Austausch untereinander habe ich als sehr stark und intensiv empfunden. Trotzdem habe ich oft den Eindruck gewonnen, dass die Schüler auch so einiges wissen. Ein 14 jähriger Schüler erzählte mir zum Beispiel, dass er regelmäßig Tiere und Pflanzen beobachte und sogar seziere. Er kannte sich offensichtlich sehr gut aus! Auffällig war auch, dass sich viele Schüler sehr gewählt ausdrückten. Schon 12 Jährige haben Wörter wie z.B. „absurd“ benutzt. Die meisten Schülerinnen und Schüler waren enorm aufgeweckt! Einmal habe ich mit einer 8 jährigen und mit einer 9 jährigen Schülerin etwas gebacken. Die 9 jährige hat sich dabei fast wie eine Erwachsene verhalten! Sie wusste genau, wie alles geht, dachte gewissenhaft an alles, was noch zu machen war und verhielt sich gegenüber der 8 jährigen, die ständig anfing, wegen irgendetwas zu diskutieren, meistens sehr ruhig und überlegt. Die älteren Schüler verhielten sich den jüngeren gegenüber generell sehr reif und verständnisvoll.

Am Mittwochnachmittag kam eine Schülermutter, die studierte Juristin ist und gab allen Interessierten eine Einführung ins Zivilrecht. Es war ein trockenes Thema und die Form war im Prinzip Frontalunterricht. Die Schüler behandelten das Thema mit viel Humor und Interesse. Obwohl einige sich nicht gut konzentrierten und mit vielem andren beschäftigt waren, verstanden sie die Inhalte schnell. Die Schüler waren zwischen 12 und 17.

Wenn ich Schüler ansprach, waren sie sehr gesprächig und haben mir gerne und sehr ausführlich auf Fragen geantwortet. Von sich aus haben sie aber fast überhaupt nicht den Kontakt mit mir gesucht und auch wenn ich großes Interesse an ihnen gezeigt habe, keines an mir oder dem was ich mache gezeigt! Das hat mich sehr verwundert. Teilweise habe ich Schüler als egozentrisch erlebt, was in ihrem Alter vielleicht auch nicht verwunderlich sein muss.

Ich habe mehrere Schülerinnen und Schüler gefragt, wie es für sie sei, wenn sie außerhalb der Schule Kontakt mit Leuten haben. Viele von ihnen haben Freunde, die auf Regelschulen gehen, oder spielen im Fußballverein. Alle die ich fragte, erzählten von starken Vorurteilen mit denen sie zu kämpfen hätten. Regelmäßig würden Leute meinen: „Ihr lernt auf eurer Schule doch überhaupt nichts und kommt vor allem nicht zu Abschlüssen!“ (Die natürlich als das Wichtigste betrachtet werden…) Die Schüler berichteten aber alle, dass sie die Leute schnell von sich überzeugen würden. Sie erzählten glaubhaft, dass sie meistens viel mehr wüssten, als Kinder in ihrem Alter. Den Eindruck habe ich auch gewonnen, sie schienen vor allem lebenspraktischeres und damit wichtigeres als andere in ihrem Alter zu wissen. Wenn die älteren Schüler Praktika absolviert haben, seien die Rückmeldungen auch immer super gewesen. Die Leute hätten es meistens nicht fassen können, wie aufgeweckt und interessiert die Schüler seien.

Einige der älteren fragte ich, wie sie Menschen erleben würden, die weniger offen und locker seien und mehr unter dem gesellschaftlichen Druck (Normen…) stünden. Darauf bekam ich unterschiedliche Antworten. Einer sagte: „Wir haben eben auch dumme Leute getroffen!“ Ein anderer sagte: „Es muss jeder gucken, was er macht und man kann sich ja andere Wege suchen!“ Das sind nur zwei Aussagen, die aber meine Eindrücke bestätigen. Ich habe das Gefühl, dass die Schüler so von der Freiheit und Eigenverantwortung der Menschen überzeugt sind, dass sie nicht unbedingt das Bedürfnis haben/bzw. die Notwendigkeit sehen, ihnen zu helfen. Man muss dazu sagen, dass sie ja nie so unter diesem Druck gestanden haben und wahrscheinlich nur schwer nachvollziehen können, wie schwierig es ist, sich von diesem Druck zu befreien! Allerdings muss man auch sagen, dass sie zwischen 14 und 17 Jahren alt waren! In 4 Jahren sieht das vielleicht ganz anders aus.

Was ich mich auch stark frage, ist, wie es bei den Schülern mit Ehrfurcht und Bewunderung aussieht. Ich erinnere mich noch, wie meine Lehrerin uns in der Schule von den verschiedenen Handwerksberufen erzählt hat, z.B. davon, wie der Bauer im Jahresrhythmus arbeitet, sein Land pflegt und erntet. Das hat sie mit so einer Ehrfurcht vor den Menschen getan, die Tag für Tag eine für uns alle so wichtige und dabei so harte Arbeit verrichten. Durch ihre Ehrfurcht und Dankbarkeit, war auch ich ehrfürchtig und habe die Handwerker bewundert. In der Schule habe ich auch die Edda, die griechischen Mythologien und die Bibel vorgelesen oder erzählt bekommen. Dadurch habe ich Demut und Bewunderung entwickelt. Demut gegenüber dem Wunderbaren der Welt, was man nicht mit dem Intellekt verstehen kann. Demut gegenüber all dem, was Menschen vor uns geleistet und erlebt haben. Und Demut gegenüber all den Zusammenhängen, die wir Menschen gar nicht begreifen. Natürlich entwickeln Menschen nicht automatisch Demut und Bewunderung, nur weil ein guter Lehrer ihnen die Möglichkeit dazu gibt. Und Menschen können sie auch anders entwickeln. Trotzdem frage ich mich, ob sich den Schülern diese Dimensionen eröffnen.

Was ich im Nachhinein ebenfalls als sehr wertvolles Element meiner Schule erachte, sind gewisse Rhythmen. Wir haben z.B. morgens Lieder gesungen und Gedichte gesprochen. Rhythmen können bei den Schülern auch von selbst entstehen, aber zusammen zu singen, ist schon an sich ja etwas Wunderbares. Dazu gab es noch Rhythmen im Jahresverlauf. Vier mal im Jahr gab es ein Fest, passend zu den Jahreszeiten. Dadurch ist bei mir Bewusstsein für die Natur und den Jahresverlauf entstanden und es ist auch einfach schön, wenn es so große Feste gibt.

Bei den älteren Schülern habe ich manchmal gedacht, sie könnten mehr Herausforderungen vertragen. also Aufgaben, selbst gesucht oder von außen herangetragen, die man gerne lösen will. Probleme, die gelöst werden wollen, mit denen man auch mal zu ringen hat und kämpfen muss. Denn ich glaube man bildet sich bzw. entwickelt sich gerade dann am allerbesten: Wenn man Herausforderungen meistert! Wenn man also auch mal richtig gefordert wird, wie ja schon in dem Wort Herausforderung steckt.

Es war eine spannende Woche. Ich habe mich von vielen Vorurteilen, wie Schule doch sein solle gelöst und erlebt, wie Schule ganz anders funktionieren kann. Diese Erfahrung hat bei mir einige Fragen und neue Perspektiven aufgetan. Ich bin sehr gespannt, wie es mit der Schule und den Schülern weitergeht! Denn ich denke, dass man die Früchte, die die Arbeit der Freien Aktiven Schule bzw. der Lernbegleiter trägt, erst in den nächsten Jahren wird sehen können. Wenn einige Schülerinnen und Schüler die Schule verlassen haben und man sieht, wie sie ihren Weg gehen!